Hochschule Zittau/Görlitz (FH)

- University of Applied Sciences -

Fachbereich Sozialwesen




FORSCHUNGSARBEIT



im Fach:

Methoden Wissenschaftlichen Arbeitens II




Die Jugendkultur der Punks -

Selbstdarstellung und Fremdeinschätzung











vorgelegt von:

Konstanze Fiedler

Katja Förster

Mario Oefler


Dozent:

Prof. Dr. phil. Rudolf Schmitt



Görlitz, 2001





Gliederung


                                                                                                                                                         Seite

1 Ausgangssituation                                                                                                                          4

1.1 Literatur und Forschungsstand                                                                                                     4

1.2 Geschichtliche Entwicklung                                                                                                        7

1.3 Forschungsinteresse                                                                                                                    10


2 Zugang zum Feld                                                                                                                            11


3 Beschreibung der geplanten                                                                                                           15

und verwirklichten Erhebungsmethoden

3.1 Das narrative/episodische Interview                                                                                           15

3.2 Das fokussierte Interview                                                                                                            16

3.3 Erfahrungen mit den Interviewführungen                                                                                     18


4 Darstellung der Auswertungsmethode                                                                                             19

4.1 Erste Auswertungsphase                                                                                                               19

4.2 Zweite Auswertungsphase                                                                                                            27

4.3 Dritte Auswertungsphase                                                                                                              29

4.4 Vierte Auswertungsphase                                                                                                             29


5 Darstellung der Ergebnisse                                                                                                             30

5.1 Vorstellung der Interviewpartner                                                                                                  30

5.2 Punksein und seine Ausdrucksformen                                                                                           31

5.3 Politisches Verständnis, Polizei, Kriminalität                                                                              33

5.4 Persönliche Erfahrungen der Punks mit                                                                                         34

gesellschaftlichen Meinungen

5.5 Zukunftsvorstellungen der befragten Punks                                                                                    35


6 Diskussion der Ergebnisse                                                                                                                37

6.1 Idiosynkratische Aussagen                                                                                                             37

6.2 Vergleich mit der Literatur                                                                                                             38

6.3 Gütekriterien                                                                                                                                  41


7 Und zum Schluss...                                                                                                                             45


8 Literaturverzeichnis                                                                                                                           47


Anhang





1 Ausgangssituation

1.1 Literatur und Forschungsstand


Mit dem von uns gewählten Thema „Jugendkulturen” haben sich bereits viele AutorInnen und Sozialwissenschaftler unter den unterschiedlichsten Gesichtspunkten befasst. Auch die spezielle Gruppe der „Punks” als eine der wohl auffälligsten unter den Subkulturen war oftmals Gegenstand von Untersuchungen.

In wie weit sich Aussagen aus verschiedener Literatur widersprechen oder decken, sei dahin gestellt, eins scheint den AutorInnen allerdings offensichtlich: Gehören Punks auch nicht jederorts zum Stadtbild, so gehört diese Gruppierung doch unwiderlegbar zur Entwicklung der Jugendkulturen und zu einer umfassenden Betrachtung der Äußerungsvielfalt von Jugendlichen.


Aber was ist unter dem Begriff der Jugendkultur zu verstehen:

Im deutschen Sprachgebrauch lässt sich der Begriff auf Gustav Wyneken (1875-1964) zurückführen, der ihn der Bezeichnung „Alterskultur” der wilhelminischen Zeit gegen-überstellt. Wyneken stellt eine wechselseitige Beziehung zwischen den Begriffen Jugend und Geist dar, nach welcher sich die Jugend nur selbst finden kann, wenn sie ihren Geist anstrengt und anders herum, jede geistige Welt entwickelt sich allein durch jugendliche, also neue bzw. fortschrittliche Ideen. Kultur weist laut Wyneken auf die Schule als Ort der Geistes- und Jugendbildung hin (vgl. Baacke 1993, S. 124-125).

Im Gegensatz dazu hat sich heute der Kulturbegriff stark gewandelt. Als Kultur werten wir nicht mehr nur bildende Künste wie Theater, klassische Musik und Malerei, sondern auch die individuelle Kreativität und soziale Beziehungen, unser (Selbst-)Verständnis und die Art und Weise jeglicher Kommunikation. Und unter anderen wichtigen Inhalten zählt eben auch die Form des gemeinschaftlichen Lebens verschiedener Gruppen dazu.

Die Institution Schule wird zwar nach wie vor als Übermittler (von Teilen) der Kultur angesehen und gewollt, doch sie schafft es bei weitem nicht, dieser Aufgabe umfassend gerecht zu werden. Gründe hierfür liegen einerseits in der begrenzten Zeit sowie an der Fülle des Kulturbegriffes heute. Darüber hinaus wird eine Institution, geschaffen von der „Erwachsenenwelt”, als Richtungsgeber in Fragen der Selbstfindung und Zu-ordnung zu bestimmten Kulturkreisen von jungen Menschen oftmals abgelehnt.

„Vielmehr sind die heutigen Jugendkulturen freizeitbezogener (...).” (Baacke 1993,
S. 129). Und konnte man zu Wynekens Zeiten noch von der Jugendkultur sprechen, so „haben wir es heute mit einer Pluralisierung der Selbst-Konzepte und der Praktiken zu tun: darum der Plural ‚Jugendkulturen‘.” (ebd.).

Baacke liefert weiter einige Definitionen, die helfen sollen, Jugend- bzw. Subkulturen zu erklären. So führt er unter anderem die Begrifflichkeiten „Widerstandsbewegung” und „jugendliche Selbstausbürgerung” an (vgl. Baacke 1993, S. 132). Inwiefern diese auf alle oder die Mehrheit der Jugendkulturen zutreffen bleibt nach Meinung der AutorInnen fraglich. Sicher scheint es ihnen allerdings, dass diese auf die Jugendkultur der Punks zu übertragen sind.

Eckert, Reis und Wetzenstein schließen sich in ihrem Buch über jugendliche Gruppen „Ich will halt anders sein wie die anderen” wohl dieser Meinung an, wenn sie schreiben, dass Punks sich von Beginn an als „ästhetische Revolte und Negation der Gesellschaft” definiert haben (vgl. Eckert, Reis, Wetzenstein 2000, S. 44).

Und der bereits zitierte Baacke untermauert seine Aussagen am Beispiel der Punks durch die Erwähnung der punktypischen „Absagen an jeden gesellschaftlichen Fort-schrittsglauben und an sozialpädagogisch gut gemeinte Reformprogramme.” (S. 76). Was wiederum Beweis für die Ablehnung der gesellschaftlichen und politischen Ordnung und der allgemein akzeptierten Werte und Normen ist.

Laut Eckert, Reis und Wetzenstein zählen das „System“, „dessen Repräsentanten“ und „die Faschisten“ sogar zu den Feinden der (von ihnen untersuchten obdachlosen) Punks (vgl. S. 352).

Immer wieder finden sich in der Literatur außerdem Aussagen über die schockierende Wirkung des Auftretens der Punks. Sie selbst wollen die „Hässlichkeit” im Gegensatz zur heilen Welt repräsentieren, sie wollen das „Lumpenproletariat” darstellen, dass sich gegen bestehende Konventionen auflehnt: zerschlissene, teilweise dreckige (Leder-) Sachen; bunt gefärbte Haare, in allen Längen und Richtungen abstehend, grell geschminkt. So steht ihr Outfit schon alleine für „bedingungslose Provokation” (Eckart, Reis, Wetzstein 2000, S. 45).

Aber die Kleidung allein reicht nicht, um ihrer Ablehnung Ausdruck zu verleihen. Ratten bekommen neben Hunden die Funktion der Schmusetiere. Sie verweigern sich der Leistungs- und Konsumgesellschaft einerseits durch ein Leben auf der Straße oder in Abrisshäusern, andererseits scheinen sie ohne Arbeit und damit festem Einkommen überlebensfähig. Der gelebte Gemeinschaftssinn und die Verbundenheit mit Gleichgesinnten steht dem Egoismus der Gesellschaft entgegen. Ob ihre Bettelei („schnorren”) dabei die Absicht enthüllt, andere, normale Menschen zu eben dieser Solidarität anzuregen oder ob es nur ihre Art der Lebenssicherung ist, bleibt Auslegungssache. Und natürlich finden sowohl legale als auch illegale Drogen Anklang bei dieser Anti-Lebensweise.

Als eins der wichtigsten Demonstrationsmittel der eigenen Überzeugung dient allerdings die Musik: „Die Punk-Bewegung (...) machte sich ostentativ bemerkbar über ihre Kultgruppe der Sex Pistols (...).” (Baacke 1993, S.76). Die Songs (auch anderer Punk-Bands) haben alle die Schnelligkeit und Härte gemeinsam, die klaren und schockierenden Inhalte, wenn man sie denn versteht. Grundsätzlich findet man immer die ablehnende Haltung vor allem gegenüber „dem System” (ebd.).

Diese Ablehnung äußert sich manchmal aber nicht nur über Musik, sondern auch durch Gewalt. „Randale gehört in dieser Szene zum Selbstverständnis, nicht aber Gewalt um jeden Preis.” (Eckert, Reis, Wetzenstein 2000, S. 45). Allerdings finden sich sehr wenige Aussagen zu diesem Thema in der Literatur.

Generell wird das „Punk-Sein“ als „Lebensstil“ (Eckert, Reis, Wetzenstein 2000, S. 356), als Lebenseinstellung verstanden.


Gegenstand der Forschung bei Roland Eckert, Christa Reis und Thomas A. Wetzenstein waren auch Intergruppenbeziehungen zwischen Jugendgruppen und Jugendkulturen. In ihrer Darstellung unterscheiden sie zwischen

- „akzeptierenden und freundschaftlichen Beziehungsformen“ („Allianz“),

- Beziehungen mit „uneindeutige(n) und wechselnde(n) Bewertungen“ („Ambivalenz“),

- und „Abgrenzung“ zu „anderen“ (vgl. S.22).

Die Gruppe der Punks findet in diesem Vergleich immer wieder Erwähnung. Wobei freundschaftliche Beziehungen zu Mitgliedern der Punkbewegung lediglich bei einer „türkischen Stadtteilclique“ (aufgrund der gemeinsamen „Ablehnung von Rassismus“) und bei Aussteigern und Selbstverwirklichern („Wagendorfbewohner“) zu verzeichnen sind (vgl. S.126; S. 347).


Breakbeater stehen Punks eher ambivalent gegenüber, bringen ihnen „keine besondere Wertschätzung“ entgegen (vgl. S. 109).

Der Großteil der in diese Forschung einbezogenen Jugendgruppen wollen aber mit Punks nichts zu tun haben und grenzen sich von ihnen ab: Pfadfinder (vgl. S. 215), Techno-Anhänger (vgl. S. 247), Breakdancer (vgl. S.261), „Rechte Skinheads“ (vgl. S. 310), „Anarchoveganer“ (vgl. S. 326), „Rechte Mädchen“ (vgl. S. 336) und Hooligans (vgl. S. 391). Sogar die befragten obdachlosen Punks grenzen sich zu anderen Punks ab, wenn sich deren Lebensweisen zu sehr unterscheiden (vgl. S. 364).

Angemerkt sei an dieser Stelle, dass die geschilderten Beziehungsmuster nur auf die befragten Jugendlichen zutreffen und nicht verallgemeinert werden dürfen, allerdings ist eine gewisse Tendenz darin zu verzeichnen.


Mit diesem kurzen Überblick über die Darstellung der Jugendkultur in der deutscher Literatur liefern die AutorInnen gleichzeitig ein Bild dieser Gruppe und deren Lebens-weisen, wobei persönliche Erfahrungen und Forschungsergebnisse unweigerlich mit einfließen.


1.2 Geschichtliche Entwicklung


Die Wiege der Punk-Bewegung steht in Großbritannien. Hier erlebte die englische Wirtschaft am Ende der Wilson-Ära einen rapiden Niedergang und durch die damit verbundene ansteigende Arbeitslosigkeit und andere Negativfolgen für die Bevölkerung setzte besonders unter den Jugendlichen eine entmutigende Hoffnungslosigkeit ein.

Viele Jugendliche (13 bis 19 Jahre, proletarischer Herkunft) fügten sich in diese Perspektivlosigkeit und wurde mit ihren „no future”-Gedanken und -Äußerungen bald bekannt als die „folk devils”. Der allgemeinen Bevölkerung präsentierten sie sich als das „hässliche” Lumpenproletariat schlechthin und mit ihrem Slogan „live fast die young” richteten sie sich konsequent gegen den gesellschaftlichen Fortschrittsgedanken und die sozialpädagogischen Reformprogramme. Schon damals ist offensichtlich, dass sie provozieren wollen und Ablehnung, wenn nicht sogar anstreben, so wenigstens in Kauf nehmen. Eine politische Überzeugung ist dahinter allerdings nicht zu finden (vgl. Baacke 1993, S. 76-78).


Die Entwicklung der Punkszene in Deutschland begann nach dem Zweiten Weltkrieg und muss dementsprechend getrennt für die damalige BRD und die ehemalige DDR betrachtet werden.

Das DDR-Regime war seit Beginn an bestrebt, gegenteilige Entwicklungsströmungen, egal in welchem Alter, zu unterdrücken und generell wurde versucht, westliche Medien und damit Informations- und Einflussmöglichkeiten zu unterbinden. Dennoch ließen sich Jugendkulturen auch in diesem Teil Deutschlands nicht vollständig unterdrücken, so dass sich auch hier eine kleine Punkszene entwickeln konnte. Bereits Ende der 70er Jahre gelang es dieser Minderheit durch ihr provozierendes Auftreten, die Öffentlichkeit zu schockieren (vgl. Baacke 1993, S. 89). Egal wo sie sich aufhielten, ob auf Bahnhöfen oder in Stadtparks, schnell erregten sie Aufsehen.

Allerdings gaben sich die meisten Jugendlichen nur kurzzeitig diesem Lebenswandel hin. Sind viele der kritischen Überzeugung an sich doch treu geblieben, so behielten die wenigsten die provozierenden Äußerlichkeiten und Lebensformen bei.


Bei der Betrachtung der Entwicklung der Punk-Bewegung in Westdeutschland muss die Verbindung zu Großbritannien und den USA berücksichtigt werden.

Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges waren es vor allem diese beiden Mächte, die Einfluss auf neue Norm- und Wertvorstellungen ausübten. So belebte die US-amerika-nische Kultur zum Beispiel durch Rock’n’Roll, durch verschiedene Modestile oder Lebensweisheiten Teile Deutschlands zu neuer Kraft und neuem Lebensmut. Aber auch britische Einflüsse (gepaart mit einigen amerikanischen Ideen) wurden deutlich: so versetzte die dort bereits verbreitete Punk-Bewegung auch in Westdeutschland in den 70er Jahren Jugendliche in den Rausch eines solchen (zeitweisen) Lebens. Und musikalisch entwickelte sich als Antwort und als ein Teil dieser Jugendkultur die „Neue Deutsche Welle” (NDW) mit Bands wie „Materialschlacht“ oder „Extrabreit“. Sogar Zeitschriften („Schund“, „The Dreck“ etc.) entstanden aus dieser Lebenseinstellung.

Am Ende dieser Entwicklung im westlichen Teil Deutschlands steht aber einerseits eine „Enttypisierung”, die mit der Übernahme der Musik in bundesweit ausgestrahlte und angesehene Fernsehshows begann und zur Folge hatte, dass Punks zu jugendkulturellem Allgemeingut avancierten und anderseits ein fortlaufender „Generalisierungsprozess”, durch welchen die provozierende Schärfe mehr und mehr verloren geht. Auffallend sind nur noch „Penner-Punks” als eine stilistische Weiterentwicklung der ursprünglichen Bewegung (vgl. Baacke 1993, S. 81).


Mit der Wiedervereinigung 1990 setzte ein langsames Herantasten der geteilten Jugend-kulturen und ein Angleichen dieser ein. Und mittlerweile machte es keinen Unterschied mehr, wo man in Deutschland einem Punk begegnet.


Es lassen sich überall (auf der Welt) immer wiederkehrende Symbole und Ausdrucks-formen finden, die nach Meinung der AutorInnen einen Punk von einem durchschnittlich normalen Jugendlichen unterscheiden und eine mögliche Definition dieser Kultur zulassen:

Rein äußerlich unterscheiden sich Punks wohl am meisten durch ihre eigenwilligen Haarkreationen, durch alte, heruntergekommene Kleidung in Verbindung mit diversen Schmuckstücken wie Nieten und Hundehalsbändern.

Leben sie nicht auf der Straße, so sind sie tags sowie nachts größtenteils dort anzutreffen. Öffentliche Plätze (Haltestellen, Bahnhöfe etc.), Parks, einschlägige Viertel und Kneipen dienen ihnen als Kontaktstelle zum Rest der Bevölkerung.

Ihr Verhaltensrepertoire reicht von Anpöbelungen über friedvolle und „höfliche” Bettelei („schnorren”) bis hin zu Hausbesetzungen und Randale. Alkohol und andere Drogen kann man sicherlich vorurteilsfrei mit der Punk-Kultur (und anderen Kulturen) in Verbindung bringen.

Ihre politische Grundeinstellung scheint mit der Aussage „Ablehnung der bestehenden Ordnung” auf den Punkt gebracht. Alle ihre Handlungen drücken diese Einstellung aus.

Die Punker persönlich haben selbstverständlich alle ihre eigenen „Einstiegsgeschichten” in diese Szene. Diese lässt sich nicht auf simple Lustlosigkeit bzw. Verweigerung reduzieren, sondern beinhaltet oft eine tiefe emotionale Verletzung. Nicht selten kommen Punker aus zerrütteten Verhältnissen, haben Erfahrung mit Gewalt und Ablehnung in Familie, Schule und Beruf.

Doch einige unter ihnen sind sicherlich nur aus (sogenannter) Freundschaft und Mitläufertum bei den Punks gelandet und geblieben. Perspektivlosigkeit spielt nach Meinung der AutorInnen meist eine große Rolle.



1.3 Forschungsinteresse


Aber wie stehen Erwachsene den Jugendkulturen allgemein und dieser provozierenden im Speziellen gegenüber? Akzeptieren sie ein Anderssein, den Widerspruch zu den Werten und Richtlinien, die vom Großteil der Bevölkerung angenommen werden?

Viele Reaktionen beweisen, dass es Erwachsenen - wie zu allen Zeiten - nach wie vor schwer möglich ist, Jugendlichen die Freiheit zuzugestehen, ihre persönliche Lebens-weise zu wählen. Sei es aus Sorge oder aus Unverständnis, aus Nicht-Wissen oder aus Engstirnigkeit, oft schwingt im Ausdruck „diese Jugend” eine Ablehnung der Jugendkulturen mit.


Egal in welcher Form sich Jugendliche äußern, egal welche Mittel und Wege sie dafür in Anspruch nehmen (müssen), es wird immer ein Unterschied zu den älteren Generationen bestehen. Nach Meinung der AutorInnen ist es allerdings längst an der Zeit, von diesem Generationskonflikt Abstand zu nehmen und eine gegenseitige Akzeptanz zwischen Jugend und Alter zu schaffen.

Selbst wenn beispielsweise ein freiwilliges Leben auf der Straße als Ausdruck der Punk-Ideologie auf wenig Gegenliebe stößt, wäre eine Auseinandersetzung mit den Beweggründen und Ursachen dieser Entscheidung von Seiten der Gesellschaft der weitaus bessere Weg, die Kommunikation und eine mögliche Hilfestellung voranzutreiben.

Um eine Annäherung der Erwachsenenwelt an Befindlichkeiten und die Lebenswelt der Jugend zu schaffen, ist nach Meinung der AutorInnen eine Erforschung der Verständnis-probleme und Differenzen zwischen den jeweiligen Sichtweisen unbedingt erforderlich.

Da diese Unterschiede und Schwierigkeiten bereits zwischen Jugendlichen verschie-dener Jugendkulturkreise bestehen, erachten es die AutorInnen als wesentlich, in dieser Phase anzusetzen.

Darauf aufbauend kann es dann möglich sein, Differenzen zwischen Erwachsenen und Jugendlichen anzugehen.


Die AutorInnen haben sich aus unterschiedlichen Gründen für die Jugendkultur der Punks zum Zwecke einer solchen Untersuchung entschieden.

Einerseits ist „die Punk-Szene (...) zu einer Bewegung geworden, die die Möglichkeiten provozierender Jugendkultur (bisher) am meisten vorangetrieben hat.” (Baacke 1993, S.77). – Sieht man von gewalttätigen rechtsgerichteten Jugendlichen einmal ab. Und aufgrund dieser Provokationen kann man von einem deutlichen Beispiel für Differenzen zwischen dieser Gruppe und der durchschnittlichen Gesellschaft sprechen.

Punks sind außerdem ein Beispiel dafür, wie Vorurteile entstehen, auch wenn man niemals in Berührung mit der Jugendkultur gekommen ist. Das Interesse der AutorInnen gilt diesen Vorurteilen und dem konkreten Wissen, das Menschen, die nicht zu dieser Gruppe zu zählen sind, über Punks haben.


Im Vorfeld der Untersuchung bzw. als Mitglieder der Gesellschaft haben sich die AutorInnen selbst auch ein Bild von dieser Subkultur gemacht. Dies war durch die stärkere Präsenz im Vergleich zu anderen Jugendkulturen im engeren Umfeld möglich.

Dadurch konnte bereits eine (oberflächliche) Auseinandersetzung mit deren Vorstellungen und Lebensweisen geschehen, welche im Endeffekt dazu führte, dass die AutorInnen deren Vorstellungen nachvollziehen und zum Teil für sich selbst annehmen konnten. Und so spielte neben dem Willen, intensiver nachzuforschen, auch eine gewisse Sympathie für dieser Gruppe und deren lockere Lebensweise eine Rolle.

Letztlich ist eine solche Arbeit sowohl im wissenschaftlichen als auch im ganz praktischen Sinne für den weiteren akademischen und beruflichen Werdegang der AutorInnen nützlich.




2 Zugang zum Feld


Im ersten Abschnitt wurde das für die AutorInnen relevante Forschungsfeld beschrieben - einerseits die Subkultur der Punks mit ihren Mitgliedern und wie sie sich selbst sehen, andererseits Jugendliche bzw. junge Erwachsene, die nicht dieser Kultur angehören.

Da sich diese beiden Gruppen stark voneinander unterscheiden, wurde der Zugang zu den Befragten unterschiedlich gestaltet. Eine wichtige Rolle dabei spielte das Alter der Personen. Angehörige der Punkszene, so wie sie uns vom Straßenbild bekannt sind, befinden sich größtenteils im Teenageralter. Sinnvoll erschien es den AutorInnen daher, Personen, die nicht dieser Gruppe angehören, zu befragen, die einer ähnlichen Altersgruppe angehören, um nicht etwa nur allgemeine Meinungen Erwachsener gegenüber Jugendlichen, z.B. á la „die Jugend von heute”, zu erfahren. Außerdem zeigten vorherige Fragen, dass sich Erwachsene nicht immer etwas unter dem Begriff „Punks” vorstellen konnten, da es nur wenige oder gar keine Berührungspunkte mit ihnen gibt oder auch einfach kein Interesse daran besteht.

Die Gruppe der zu befragenden Nicht-Punks wurde daher bis zu einem Alter von 23 Jahren eingegrenzt. Da die AutorInnen in etwa der selben Altersgruppe angehören, konnte auf eine Vielzahl von Freunden und Bekannten zurückgegriffen werden. Bei der Auswahl der einzelnen Interviewpartner wurde dann, je nach subjektivem Empfinden der AutorInnen, auf verschiedene Kriterien Wert gelegt. Ein bedeutender Punkt war die Auswahl einer Person, die im Gegensatz zu den Punks einen eher konventionellen, durchschnittlichen Lebensstil gewählt hat, die aber offen ist für das Wahrnehmen anderer Einstellungen und diese persönlich werten kann. Auf diese durchschnittlichen Typen wurde bewusst Wert gelegt. Ein zu Punks sehr gegensätzlicher Interviewpartner, z.B. eine politisch rechtsorientierte Person, ein „Fascho”, würde nach Meinung der AutorInnen das Bild der Punkkultur in der Gesellschaft sehr verzerren und die erwünscht allgemeingültigen Ansichten gefährden. Die Nichtbeachtung extremer Meinungen begründete sich auch in der begrenzten Anzahl der Interviews, denn Ausgewogenheit und Erreichen einer allgemeinen Aussage steht im Interesse der Forschenden. Auch auf gravierende Alters- und soziale Unterschiede wurde bei der Auswahl der Interviewpartner für die Fragestellung, wie Punks von anderen Mitgliedern der Gesellschaft gesehen werden, bewusst verzichtet. So haben die von uns befragten Personen ein Alter zwischen 16 und 23 Jahren und gehen einer Ausbildung oder einem Beruf nach; auf Unterschiede der Geschlechter wurde nur begrenzt Wert gelegt, dennoch ergibt sich eine Ausgewogenheit. Aufgrund der Bekanntschaft fiel es den AutorInnen nicht schwer, in Kontakt mit diesen Leuten zu treten, welche sich, nachdem der Grund des Interviews erklärt wurde, bereitwillig für ein Gespräch zur Verfügung stellten. Bemerkenswert war bei der Auswertung der Interviews, dass die mit Absicht aus der Mitte gewählten Interviewten, die sich nicht untereinander kennen und sich voneinander in Alter, Interessen und Weltanschauungen unterscheiden, eine sehr tolerante Meinung über die Kultur der Punks vertreten, auch wenn sich diese bei allen etwas unterscheidet.

Wenn bei Befragungen im Bekanntenkreis laut Hildebrandt (1991, bei Flick 1999 S. 76) die Gefahr besteht, nichts wirklich neues zu erfahren, so traf das bei dieser Arbeit nicht zu, denn das Thema „Punk“ gehörten bis jetzt nicht zum gemeinsamen Gesprächsstoff. Indem die AutorInnen weniger Toleranz bzw. größere Ablehnung gegenüber Punks erwarteten, erlangten sie in diesem Bereich zu anderen Erkenntnissen. Auch gelang es durch die Erhebung im Umfeld, den Aufwand für diesen Teil der Forschung zu verringern (Flick 1999, S.88).


Der Zugang zu den Punks gestaltete sich da ganz anders, da den AutorInnen nur wenige und diese sehr oberflächlich bekannt sind. Es stellte sich aber heraus, dass man mit dem sogenannten „Schneeballsystem” die richtigen Interviewpartner finden kann. Die AutorInnen erkundigten sich bei Bekannten, und erhielten von diesen Tipps zu Personen, die für ein Interview in Frage kommen könnten. Ehe ein vermutlicher Punk für die Forschungsarbeit interviewt werden konnte, sollte bei der ersten Kontaktaufnahme eine wichtige Frage beantwortet werden, nämlich „siehst du dich selbst als Punk und bezeichnest du dich auch so?”. So ist es einer der AutorInnen passiert, dass sie von einem Bekannten den Rat erhielt, doch mal diese Person – hier fiktiv Herri genannt – zu befragen, der sei ein Punk. Aber nur vom Äußeren her wie sich dann herausstellte, denn Herri würde sich selbst nicht als solchen bezeichnen und will auch nicht von anderen so gesehen werden. Somit kam er für diese Arbeit als Interviewpartner nicht in Frage. Trotzdem hat sich das Schneeballsystem bewährt und die AutorInnen kamen zu ihren gewünschten Interviewpartnern – den Punks.

Beim ersten Kontakt, der meist telefonisch erfolgte, wurden die Ziele und Inhalte der Forschungsarbeit kurz beschrieben und um ein Interview gebeten. Zu diesem erklärten sich die Angesprochenen bereit und es wurde dafür ein Termin vereinbart. Ein anderer Jugendlicher wurde einer der AutorInnen mit Aufenthaltsort von einem Bekannten genannt, nämlich der Jugendclub M. ihrer Heimatstadt, der bekannt ist als Szenetreff. Natürlich war etwas Überwindung nötig, in diesen Club zu gehen und denjenigen anzusprechen. Bertl, der in Teil 5.1 noch näher beschrieben wird, erklärte sich aber sofort zu einem Gespräch bereit, nachdem ihm der Sinn des Ganzen erläutert wurde. Bemerkenswert ist bei allen drei befragten Punks die sofortige Bereitschaft zur Mitarbeit und die offenen Einblicke, die sie den AutorInnen gewährten.




3 Beschreibung der geplanten und verwirklichten Erhebungsmethoden


Wie schon erwähnt, haben die AutorInnen in ihrer Forschungsarbeit zwei Zielgruppen gewählt. Zum einen werden sie Mitglieder aus der Gruppe der Punks interviewen, zum anderen Personen, welche nicht der Gruppe der Punks angehören. Diese Aufteilung hat zur Folge, dass zwei unterschiedliche Erhebungsmethoden für die qualitative Sozialarbeitforschung benötigt werden.

Da die AutorInnen nicht der Gruppe der Punks angehören, ist eine Interviewform erforderlich, die den Zugang zu den Punks durch Erzählung ihrerseits ermöglicht. Hier wurde eine Mischform zwischen dem narrativen Interview, da biographische Verläufe im Interview aufgedeckt werden, und dem episodischen Interviews (Befragung über Alltag) gewählt.

Bei den Nicht-Punks haben sich die AutorInnen für eine Erhebungsmethode entschieden, welche der Gruppe der leitfadengeführten Interviews (nach Flick, 1999) angehört, dem fokussiertem Interview. Hier können objektive Bestandteile und subjektive Interpretationen der Befragten aufgeführt können.

Das Anliegen in dieser Forschungsarbeit ist es, die unterschiedlichen Meinungen zur Subkultur der Punks offen zu legen und gegenüber zu stellen. Um diese Ansichten und Meinungen gegenüber stellen zu können, müssen natürlich gleiche Kriterien bei der Befragung geschaffen werden. Deshalb wurden zwei Leitfäden erstellt: für ein fokussiertes Interview mit den Nicht-Punks sowie ein episodischer Leitfaden für die Befragung der Punks. Der Leitfaden ist absichtlich sehr offen gehalten, damit die AutorInnen beim Interview Spielraum besitzen, um z.B. auf besondere Erlebnisse oder Episoden, die die Befragten erzählen, näher eingehen zu können.


3.1 Das episodische und das narrative Interview


Zuerst muss noch einmal darauf hingewiesen werden, dass für die Interviews mit Mitgliedern der Punk-Kultur ein Leitfaden (Anlage 1) erstellt wurde, welcher für die Interviewführung genutzt werden sollte. Dies ist zwar bei Anwendung der ausgewählten Interviewform nicht üblich, aber zum Vergleich bei der späteren Auswertung mit den fokusgeführten Interviews hilfreich.

Die Form des narrativen Interviews wird nach Kohli und Robert vor allem für biographische Forschung genutzt. Die biographische Forschung war für die AutorInnen in diesem Fall sehr wichtig, da man eventuell schon hier erkennen kann, welche Gründe es für Personen geben könnte, sich der Gruppe der Punks anzuschließen. Im Leitfaden ist zu erkennen, dass eine offene Erzählaufforderung als Zugang zum Interview gewählt wurde. Das narrative Interview weist am Schluss eine gewisse Bilanzierung des Interviews aus. Die AutorInnen sind zu dem Entschluss gekommen, die Interviewten aufzufordern, sich ihre Zukunft vorzustellen. Damit kann ungezwungen eine Bilanz gezogen werden, denn hier wird deutlich, ob der Befragte mit seinem Leben und seiner Rolle als Punks zufrieden oder unzufrieden ist.

Den AutorInnen war es wichtig, bedeutsame Erfahrungen geschildert zu bekommen. Dies kann einerseits ermöglicht werden durch die Auswahl der Interviewpartner (episodisches Interview), andererseits aber einfach auch dadurch, dass begonnene Erzählungen nicht beeinflusst oder unterbrochen werden (narratives Interview). Damit aber bei der Auswertung vergleichbare Daten reflektiert werden können, wurden durch die AutorInnen in den erstellten Leitfaden gewisse Vorgaben auf konkrete Situationen gestellt. Der Leitfaden (nach Flick) im episodischem Interview darf aber nicht dazu führen, dass konkreter Situationen, „in denen bestimmte Erfahrungen gemacht wurden, lediglich benannt, jedoch nicht erzählt werden” (1999, S.129). Flick gibt aber auch die Möglichkeit vor, biographische Erzählungen im Interview zu fördern, und hierbei auch bestimmte Erfahrungen in konkreten Situationen dem Befragten zu entlocken.


Da den AutorInnen eine biographische Gesamterzählung und gleichzeitig eine situationsbezogene Detailerzählung des Befragten wichtig ist, wird in dieser Forschungsarbeit der Spagat zwischen den Formen des narrativen und des episodischen Interviews angestrebt.


3.2 Das fokussierte Interview


Diese Form des leitfadengeführten Interviews ist von Merton und Kendall in den USA entwickelt worden. In Uwe Flicks „Qualitative Sozialforschung” ist das fokussierte Interview ausführlich beschrieben. In dieser Forschungsarbeit haben sich die AutorInnen bei der Auswahl der Interviewform, beim Erstellen des Leitfadens und bei der Durchführung der Interviews sehr stark an Flick gehalten.

Demnach ist das Ziel des Interviews von „statistisch signifikanten Ergebnissen” (Flick 1999, S.94) durch die heutigen Medien oder durch eigene Erfahrungen objektive Bestandteile und subjektive Interpretationen der eigenen Gefühlswelt miteinander zu vergleichen. Dieses Ziel des Interviews gleicht also dem Ziel, welches diese Forschungsarbeit anstrebt, nur dass objektive Bestandteile über das Wesen der Subkultur der Punks nicht nur aus Medien oder Sachliteratur entnommen, sondern auch die Meinung von Mitgliedern dieser Gruppe als „objektive” Bestandteile mit einbracht werden.

Die vier typischen Kriterien eines fokussierten Interviews werden durch den Leitfaden (Anlage 2) berücksichtigt, doch wurde versucht, durch spezielle Fragestellungen eine gewisse Konfrontation und Auseinandersetzung mit der Subkultur „Punks” zu erreichen. Eine Beeinflussung auf das Meinungsbild der Befragten sollte jedoch ausgeschlossen werden.

Am Anfang der Befragung wurde ein konkreter Gegenstand, die Subkultur der Punks, vorgegeben. Eine Gratwanderung des Interviewers ist hierbei von Nöten, denn einerseits sollen stets die Reaktionen und Antwortmöglichkeiten der Interviewpartner offen bleiben, andererseits müssen die AutorInnen als Sozialarbeitsforscher eine gewisse Spezifität der Reaktionsweisen und Antworten der Befragten erreichen. Denn schließlich soll das Interview sich nicht nur in allgemeinen Aussagen beschränken. Diesen Zwiespalt zwischen offenen Frageformen, möglichst wenigen Vorgaben und einer provozierenden Fragestellung, die gewisse Antworten schon ableitet, war der zu überwindende Knackpunkt.

Bei Betrachtung des Fragebogens ist zu erkennen, dass halbstrukturierte Fragen an die Interviewpartner gestellt wurden. Dies ist erforderlich, um bei der späteren Auswertung vergleichbares Material in Bezug auf die Befragung von Mitgliedern der Punks (siehe oben) zu besitzen. Diese Fragen sollen zusätzlich unterstützend auf das Erinnerungs-vermögen des Interviewten wirken und aussagekräftige Antworten entlocken.

Nach Merton und Kendall sollte versucht werden, den Leitfaden so zugestalten, dass beim Interview ein breites Spektrum an Fragen zu dem Thema Subkultur der Punks erfasst wird (vgl. Flick, 1999, S.95-99). Im Voraus kann man aber hierfür sagen, dass zur Erhebung eines breiten objektiven Fragespektrums in dieser Forschungsarbeit den AutorInnen die Zeit gefehlt hat, so dass hauptsächlich persönliche Fragen in den Leitfaden eingegangen sind.


3.3 Erfahrungen mit den Interviewführungen


Zur Datenerhebung haben die AutorInnen Personen interviewt, welche aus dem näheren Bekannten- oder Freundeskreis stammen. Dies hatte einerseits den Hintergrund, die Befragten gleich ansprechen und andererseits relativ wahrheitsgemäße Informationen sammeln zu können. Es trat allerdings das Problem auf, dass manchmal durch die AutorInnen nicht nachgefragt wurde, wie manche Aussagen zu verstehen seien. Dies ist damit begründet, dass sich die AutorInnen suggestiv in die Interviewten zum Teil hineinversetzen konnten. Ganz deutlich ist dieses Phänomen aber auch bei den narrativ/ episodischen Interviews mit den (den AutorInnen weniger vertrauten) Punks zu spüren. Durch das schnelle und persönliche Zustandekommen der Interviews fehlte zum Teil der kritische Blick auf manche Äußerungen der Beteiligten.

Zusätzlich bestand die Gefahr, dass bestimmte Inhalte nicht befragt werden, da eine gemeinsame Denkstruktur der Befragten und der AutorInnen zu verzeichnen ist. Der Leitfaden stellt hierbei eine Hilfe dar, da er verhindern kann, dass bestimmte „blinde Flächen” der Selbstzensur unterliegen. Voraussetzend ist aber, dass der Leitfaden im Vorfeld gut ausgearbeitet wurde.


Die Interviews von Pitt und Siggi befinden sich als Anlage 3 und 4 im Anhang.




4 Darstellung der Auswertungsmethoden


Um die in einem Interview erhobenen Daten herauszufiltern, bedarf es einer gründlichen Auswertung. Die AutorInnen haben sich dabei für die Methode des „Zirkulären Dekonstruierens” nach Eva Jaeggi und Angelika Faas entschieden, da ihre Methodik am geeignetsten schien.


Doch wozu benötigt man überhaupt eine wissenschaftliche Auswertungsmethode?

Zum einen um die vorliegenden Inhalte zu kompensieren und um bei der Suche nach neuen Einsichten und Phänomenen zu einem strukturierten Textvergleich zu gelangen. Da das Forschungsthema auf einem Vergleich basiert, wird hier die Auswertungsmethode anhand zweier unterschiedlicher Interviews erläutert, einem episodischen und einem fokussierten Interview mit einem Punk (Pitt) und einem Jugendlichen, der nicht dieser Jugendkultur angehört (Siggi).

Zur besseren Übersichtlichkeit und aus Sympathie den Befragten gegenüber erhalten diese fiktive Namen, um deren Persönlichkeit nicht zu mindern.


Beim Zirkulären Dekonstruieren wird in drei Auswertungsphasen gearbeitet.


4.1 Erste Auswertungsphase - Einzelinterviews


1. Schritt:

Nach der Transkription wird laut Jaeggi und Faas jedem Interview ein Motto, eine kurze Überschrift gegeben, die einen inhaltlichen Bezug hat oder einfach nur intuitiv entsteht. Da die Transkription der Interviews bereits einige Zeit zurückliegt, ist es nötig, sich vor der Auswertung noch einmal intensiv damit zu befassen. Mit dem Hintergedanken im Kopf, eine geeignete Überschrift zu finden, werden die Texte gründlich gelesen.


Bei dem Interview mit dem Punk Pitt fällt besonders auf, dass er sich sehr bildhaft ausdrückt, deshalb bekommt das Interview das Motto: „Der Bildliche”.

„Bunte Haare, Anarchie” sind die ersten Gedanken nach dem Lesen von Siggis Interview, somit ist dies die Überschrift.




2. Schritt:

Im zweiten Schritt erfolgt eine schriftliche zusammenfassende Nacherzählung, wobei der Gesamttext vereinheitlicht und verdichtet wird; als erstes nun die Zusammenfassung von Siggis Interview:


Siggi ist 23 Jahre alt und arbeitet nach Abitur, Ableistung des Grundwehrdienstes, abgebrochenem Studium und Ausbildung zum Maurer als Zimmermann in seiner Heimatstadt, wo es keine Punks gibt. Er hatte persönlich überhaupt keinen Kontakt zu Punks.

Spontan fallen ihm „wilde Haare, wilde Frisur, schrille Klamotten, Anarchisten” zum Thema „Punk” ein. Der Hahnekamm sei eines der äußerlichen Merkmale - neben zer-schlissenen Sachen, Leder- und Armeeklamotten - der Punkkultur. Siggi beschränkt die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe auf die Altersgruppe von 12 bis 30.

Er schätzt Punks als Anarchisten ein, die sich von der Gesellschaft abgrenzen und anders sein, auffallen wollen. Sie lehnen laut Siggi alles ab: jede Autoriät, jede Regierung, jegliche Reglementierung und politische Mitarbeit. Er kennt kein veröffent-lichtes politisches Programm und keine gegründete Partei.

Sie lebten lieber in den Tag hinein, würden irgendwo mit ihren Kumpels abhängen und seien „zu faul zum Arbeiten”. In ihren Grüppchen kann jeder seine Meinung vertreten. Durch Bettelei („schnorren”) halten sie sich über Wasser.

Siggi traut den Punks in einem gewissen Maße Kleinkriminalität zu: Diebstahl, Mundraub, Vandalismus, Hausbesetzungen und Lärmbelästigung. Als Verbrecher will er sie aber nicht abstempeln. Im Grunde hält es sie eher für friedliebend und nicht gewalttätig. Allerdings sieht Siggi im Drogenkonsum ein Problem dieser Jugendkultur. Sie konsumierten weiche und harte, legale und illegale Drogen - mehr als andere Gruppen.

Die Gesellschaft würde, so Siggi, diese Jugendkultur im Vergleich zu allen anderen Kulturen am wenigsten achten. Obwohl viele keinen einzigen Punk kennen, würden sie diese Jugendlichen instinktiv ablehnen, weil Deutsche - und besonders die älteren Generationen - zu Fleiß und Arbeit erzogen wurden. Allerdings gibt es wichtigere Probleme in der Gesellschaft zu meistern, so dass die Punks nicht im Mittelpunkt der Diskussionen stehen.


Als Beispiel für ein Interview mit einem Punk folgt nun hier die Zusammenfassung des Gesprächs mit Pitt:


Der befragte Punk ist über die Musik („Die Ärzte”, „Sex Pitols”) und politisches Nachdenken im Alter von 11/ 12 Jahren zu dieser Jugendkultur gekommen. Er stand anfangs in der Schule alleine mit der Einstellung da, traf aber bald andere Punks aus seinem Stadtteil, ging auf erste Konzerte, rasierte sich einen „Iro” (Irokesen-Haarschnitt).

Clubs für Punks gibt es in seiner Heimatstadt - nach einigen Auseinandersetzungen mit den Betreibern - nicht mehr.

Der Befragte differenziert im Interview zwischen Punks, die sich mehr oder weniger nur „dicht saufen”, und Punks, die sich auch politisch engagieren. Für ihn ist es selbst-verständlich, auch auf Demos zu gehen. Einer festen Gruppe bzw. Interessengemeinschaft gehört er dabei nicht an.

Er persönlich verleiht seinem Punksein Ausdruck durch schnelle, laute Musik, durch ein etwas anderes Aussehen und sein Denken, das in einem andere Richtung geht als das „normaler” Leute. Über den Punk an sich gibt es aber keine einheitliche Definition.

Über das Bild, das Mitmenschen von ihm haben, macht Pitt einerseits die Aussage „menschlich”, wie seine Familie und Freunde ihn sehen, andererseits hat er von Leuten auf der Straße auch schon gehört, dass er „blöd” sei.

Pitt macht sich über viele Dinge Gedanken und lebt nicht wie die meisten Menschen gleichgültig in dieser Konsumgesellschaft, die er „zum Kotzen” findet. Er weiß, dass die meisten „Normalos” sein Weltbild teilen und Punks (hauptsächlich) wegen der Äußerlichkeiten ablehnen. Pitt verurteilt die herrschende Intoleranz gegenüber allen, die nicht dem Durchschnittsbild der Gesellschaft entsprechen (Dunkelhäutige, Schwule etc.).

Es kam schon oft zu Zusammenstößen mit Andersdenkenden (z.B. „Neonazis”) und der Polizei, die seiner Meinung nach rassistisch und „Marionetten des Scheißstaates” sind. Der Interviewte kümmert sich nicht darum, von Passanten angepöbelt zu werden, weil diese ihn nicht kennen und beispielweise nicht wissen, dass er bereits seit 1 ½ Jahren eine Ausbildung macht, wenn sie ihm zurufen, er solle doch mal arbeiten gehen.

Freunde sind für Pitt sehr wichtig. Allerdings hat er nur ein Hand voll echte Freunde, die er auch anrufen kann, wenn es ihm schlecht geht.

Zukünftig möchte er dem Punk - als seine Lebenseinstellung - treu bleiben, angefangene Sachen beenden (Lehre), das Abitur nachholen und möglicherweise studieren. Außerdem möchte er weitere Konzerte organisieren.


Die Nacherzählungen von Bertl, Gonzi, Doris und Kerstin finden sich im Anhang (Anlage 5).


3. Schritt:

Anhand des Originaltranskriptes wird dann ein Stichwortkatalog (siehe Anhang, Anlage 6) erstellt. Dabei werden aus den Interviews die Stichpunkte ausgewählt, die für die Fragestellung wichtig sind.

Aufgrund der Forschungsfrage haben sich die AutorInnen für die Schlagworte entschieden, welche dem Kontext dieser Sozialarbeitsforschung entsprechen.

Bei Siggi waren es beispielsweise:

- Hahnekamm, - auffallen,

- anderssein, - keine Linksautonome,

- Hausfriedensbruch, - schnorren,

- Anarchie, - jeder ist selbst verantwortlich,

- Alkohol, - sich keinen Kopf machen.


Ein Ausschnitt aus Pitts Stichwortkatalog:

- „Iro”, - anders aussehen als normale Leute,

- „Bullen” sind Schweine, - kann mit Staat nichts anfangen,

- lehnt System ab, - lautere, schnellere Musik,

- anders denken, - viele denken, Punk ist Abschaum,

- Intoleranz, - ständig mal Stress.


4. Schritt:

Im Themenkatalog werden die Stichwörter inhaltlich zusammengefasst, geordnet und gruppiert. Die genannten Themen könnten in der späteren Ausformulierung der Ergebnisse die Überschriften bilden.


Hier ist der Themenkatalog zu Siggis Interview dargestellt:

1 Aussehen der Punks

2 Lebensweisen der Punks

3 politische Einstellung

4 Reaktion von Außenstehenden

5 Vergleich zu DDR-Zeiten

6 Kriminalität


Nachfolgend nun Pitts Themen:

1 politische Einstellung und Ansichten über Gesellschaft

2 Erfahrungen mit der Polizei

3 gesellschaftliche Ansichten über Punks

4 persönliches Punksein, persönliche Einstellungen - was den Befragten ausmacht

5 (gewalttätige) Erfahrungen

6 Unterschiede im Punksein

7 Freundeskreis, Familie

8 Zukunft


5. Schritt:

Bei der Paraphrasierung als fünftem Schritt soll das Interview anhand des Themen-katalogs nacherzählt werden. Finden sich bei der Nacherzählung noch Fakten oder Stichworte, die nicht erfasst sind, müssen weitere Themen gebildet werden. Gelingt es dann, das Interview mit allen Inhalten wiederzugeben, ist der Katalog ausreichend erarbeitet.

Zuerst nun die Paraphrasierung von Pitts Interview als Vertreter der Punks, hierbei werden die ausgearbeiteten Themen einzeln nacherzählt:


1 politische Einstellung:

In einem Alter von elf bis zwölf Jahren fing Pitt an, mehr nachzudenken und kam zu der Ansicht, dass man nicht gleichgültig in dieser Konsumgesellschaft leben sollte. Mit dem Staat kann er nichts anfangen, er mag ihn nicht, und die Gesellschaft mit ihrer Gleichgültigkeit findet er nicht in Ordnung. Für ihn ist politisches Engagement wichtig, er geht beispielsweise auf Demonstrationen.


2 Erfahrungen mit der Polizei:

Pitts Meinung nach besteht eine Front zwischen der Polizei und den Punks. Die Polizei - die Bullen - verkörpern den Staat als seine Marionetten und nehmen keine Rücksicht, wenn sie in der Überzahl sind. Außerdem sind sie rassistisch, er bezeichnet sie direkt als „Schweine”. In Kontakt kam er mit ihnen wegen Kleinigkeiten.


3 gesellschaftliche Ansichten über Punk:

Als Punk wurde Pitt schon des öfteren von anderen als „blöd” bezeichnet. Er begegnet Intoleranz und Vorurteilen, diesen aber nicht nur Punks gegenüber. Punks sind Abschaum, man müßte solche wie ihn vergasen oder in ein Arbeitslager schicken, wurde ihm gegnüber geäußert.


4 persönliches Punksein, persönliche Einstellungen - was den Befragten ausmacht:

Über die Musik, zum Beispiel von „Die Ärzte”, den „Toten Hosen” oder den „Sex Pistols” kam Pitt zum Punk, aber auch weil er begann, politisch mehr nachzudenken. Schon bald besuchte er sein erstes Konzert, war betrunken und rasierte sich einen „Iro” - dies ist alles sozusagen fließend gekommen seit der sechsten Klasse. Leute mit Iro traf er im Stadtteil und lernte sie kennen. Da Punkrock einen politischen Hintergrund beinhaltet, ist es für ihn eine Selbstverständlichkeit, sich auch politisch zu engagieren, zum Beispiel auf Demos zu gehen. Als Punk hört er lautere, schnellere Musik und unterscheidet sich im Aussehen und im Denken von anderen, „normalen” Leuten. Er bildet sich seine eigene Meinung, denn manche Sachen gehen ihm einfach näher. An einer Hausbesetzung hat er auch schon teilgenommen, und dabei, aber auch unter anderen Umständen passiert es häufiger, dass man einmal „Stress” bekommt. Auf andere Leute reagiert er so, wie sie ihm gegenübertreten. Und im Endeffekt ist Punk für ihn eine Lebenseinstellung.


5 (gewalttätige) Erfahrungen:

In seiner Heimatstadt gibt es keinen Jugendclub für die Punks, und in den anderen Clubs sind sie nicht gern gesehen, da es schon oft zu Auseinandersetzungen mit den Betreibern gekommen ist. Seine erste Erfahrung mit Gewalt erlebte er mit 14 Jahren, als er von 15 - 20 „Glatzen” zusammengeschlagen wurde. Auch Zusammenstöße mit der Polizei hat er erlebt.


6 Unterschiede im Punksein:

Pitts Meinung nach gibt es einen Unterschied zwischen Punks. Der sogenannte „Dreckpunk” - dieser Name war den AutorInnen schon vor ihrer Forschungsarbeit bekannt – „säuft” eher, wobei Punk (als Musik) auch politische Themen beinhalten kann. Aber eigentlich gibt es den Punk an sich nicht, denn die Meinungen über das Punksein unterscheiden sich auch unter Punks, jeder definiert den Begriff für sich, so hat nicht jeder etwas mit Politik im Sinn.


7 Freundeskreis, Familie:

Durch den Freundeskreis ist Pitt nicht zum Punk gekommen. Er hat Freunde, auf die er sich verlassen kann und Kumpels, mit denen er mal ein Bier trinkt. Seine Familie dagegen sieht ihn eher als Mensch, nicht als Punk.


8 Zukunft:

Pitt macht seit anderthalb Jahren eine Lehre, die er auch beenden will. Anschließend will er das Abitur nachholen und ein Studium beginnen. Er möchte angefangene Dinge in seinem Leben „durchziehen” und versuchen weiter zu kommen. Er will ein normales Leben führen und hat nicht vor, sich selbst dafür sehr zu verändern.



Bei Siggi wurde das gesamte Interview, ohne die Einzelauflistung der Themen, paraphrasiert:

Siggi (23 Jahre) ist einer der befragten Nicht-Punks. Er hat nach seinem Abitur ein Studium begonnen und abgebrochen, Maurer gelernt und arbeitet jetzt als Zimmermann und Trockenbauer. Er lebt in einer Kleinstadt und hatte persönlich noch keinen Kontakt mit Punks (Thema 7).

Siggi äußert in seinem Interview einige Merkmale, die seiner Meinung nach für das Äußere der Punks typisch sind (Thema 1): wilde, bunte Haare, schrille, zerschlissene und abgetragene Klamotten.

Außerdem bringt er mit Punksein eine bestimmte Lebenseinstellung/Lebensweisen (Thema 2) in Verbindung. So sagt er beispielsweise, dass Punks oft mit Kumpels abhängen und in den Tag hinein leben, dass sie sich kaum einen Kopf über irgendetwas machen.

Laut Siggi engagieren sich Punks nicht politisch - auch wenn sie mehr zu „links” tendieren, rechnet er sie nicht zu den Linksautonomen. Er weiß von keinem veröffentlichten Programm, von keiner Vereinigung oder Partei. Siggi glaubt, dass in den Grüppchen jeder seine Meinung vertreten kann, aber prinzipiell jedes Gemeinwesen und jede Reglementierung abgelehnt wird. (Thema 3)

Nach der Reaktion von Außenstehenden (Thema 4) und der gesellschaftlichen Akzeptanz befragt, äußert Siggi die Vorstellung, dass Punks die am wenigsten geachtete Gruppe darstellten, intuitiv abgelehnt würden, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung wahrscheinlich gar keinen kennt, Deutsche aber anders erzogen wären. Er geht allerdings nicht davon aus, dass Punks ein besonderes Gesprächsthema in der all-gemeinen Bevölkerung sind, da es andere, wichtigere Probleme gibt.

Da Siggi in der ehemaligen DDR aufwuchs (Thema 7), führt er ein Vergleich zu dieser Zeit an (Thema 5): Punks wurden damals vom Staat verboten.

Auch zur Kriminaliät (Thema 6) wurde Siggi befragt. Punks sind seiner Meinung nach eher friedliebend, sie konsumieren legale und illegale, harte und weiche Drogen und neigen zu kleineren Verbrechen (Diebstahl, Mundraub, Hausfriedensbruch, Lärmbeläs-tigung; Kleinkriminelle also).


6. Schritt:

Der letzte Schritt der ersten Auswertungsphase beinhaltet die Bildung von zentralen, interviewspezifischen Kategorien aus teils erweiterten, teils zusammengefaßten The-men. Dieser Arbeitsgang erfolgt erst, wenn sich der Themenkatalog bei einer vollstän-digen Paraphrasierung bewährt hat. Die Umsetzung dieser theoretischen Forderung gestaltet sich in unserer Arbeit schwierig, da aus den Themenkatalogen durch Erweiterungen oder Zusammenfassungen keine neuen Kategorien gebildet werden können. Ursachen dafür finden sich schon zu Beginn der Forschungsarbeit - bei der Wahl der Erhebungsmethode: dem Leitfadeninterview. Entsprechend dem Forschungsinteresse erstellten die AutorInnen zwei Fragebögen, einen für die Punks und einen für die Nicht-Punks. Da sich die Forscher bei der Interviewführung nach diesen Leitfäden richteten, eignen sich die zentralen Frageaspekte sowohl für den Themenkataloge als auch als Kategorien, beide sind daher deckungsgleich.


Kategorien aus Siggis Interview:

1 Aussehen der Punks

2 Lebensweisen der Punks

3 politische Einstellung

4 Reaktion von Außenstehenden

5 Vergleich zu DDR-Zeiten

6 Kriminalität


Kategorien aus Pitts Interview:

1 politische Einstellung und Ansichten über Gesellschaft

2 Erfahrungen mit der Polizei

3 gesellschaftliche Ansichten über Punks

4 persönliches Punksein, persönliche Einstellungen - was den Befragten

ausmacht

5 (gewalttätige) Erfahrungen

6 Unterschiede im Punksein

7 Freundeskreis, Familie

8 Zukunft


4.2 Zweite Auswertungsphase


In dieser Phase werden die bis hierher einzeln ausgewerteten Interviews zusammen-geführt und verglichen, wobei aber weiterhin zwischen Punks und Nicht-Punks unterschieden wird.


1. Schritt: Synopsis

Zuerst werden alle Kategorien in Form einer Tabelle aufgelistet und vermerkt, welcher Interviewte zu welcher Kategorie Aussagen macht, was das Kreuz („x”) anzeigt. Die dabei angegebene Zahlen „(1)”, „(2)” etc. beziehen sich auf die Nummer der Kategorie in dem jeweiligen Interview.


Kategorien der befragten Nichtpunks:

A: Vorstellungen über Verhalten und Lebensweise der Punks

B: Kriminalität

C: Ursachen für Punksein

D: Reaktionen der Gesellschaft auf Punks

E: politische Einstellungen der Punks

F: Vergleich zu DDR-Zeiten

G: persönliche Einstellung gegenüber Punks

H: Vorurteile

I: persönliche Erfahrungen mit Punks

J: Aussehen der Punks

K: Persönliches, aktuelle Lebenssituation



A

B

C

D

E

F

G

H

I

J

K

Doris

x(2,4)

x(5)



x(6)



x(3)

x(3)

x(1)

x(7)

Kerstin

x(1)


x(2)


x(3)


x(4)



x(6)

x(7)

Siggi

x(2)

x(6)


x(4)

x(3)

x(5)




x(1)

x(7)


Kategorien aus Interviews mit den Punks:

A:   Persönliche, aktuelle Lebenssituation

B:  heutige Lebenseinstellung, Punksein

C:  Punk in der Gesellschaft

D:  Kriminalität

E:  Polizei

F:  Freundeskreis

G:  Politik

H:  Anfangszeiten als Punks

I:  Punk in A.

J:  Zukunftspläne

K:  persönliche Erfahrungen

L:  Unterschiede im Punksein

M:  Ansichten der Gesellschaft über Punks


A

B

C

D

E

F

G

H

I

J

K

L

M

Bertl

x(1)

x(2)

x(3)

x(4)

x(5)

x(6)




x(7)




Gonzi

x(1)

x(3)

x(4)


x(7)

x(8)

x(5)

x(2)

x(6)

x(9)

x(4)


x(4)

Pitt


x(4)

x(3)


x(2)

x(7)

x(1)



x(8)

x(5)

x(6)


2. Schritt: Verdichten

Dabei ist zu überlegen, was die AutorInnen in ihrer Forschungsarbeit darstellen wollen. Die Kategorien, die die dafür relevanten Themen beinhalten, werden zu inhaltlichen Konstrukten zusammengefügt. Es müssen sich aber nicht alle Interviewte in den einzelnen Kategorien geäußert haben.

So entstehen durch den Zusammenschluß folgende Konstrukte.

 

Konstrukte der Punks:         Konstrukte der Nichtpunks:

(das „P” steht hier für Punk)         (das „N” steht hier für Nicht-Punks)

 

5.1    AP + HP         5.1         KN

5.2    BP + CP + FP + LP    5.2    AN + GN + IN + JN

5.3    DP + EP + GP       5.3    BN + EN

5.4    IP + KP + MP     5.4         DN + FN + HN

5.5    JP

 

3. Schritt:                   komparative Paraphrasierung

Die Aussagen der einzelnen Interviews werden nun miteinander verglichen und durch die gebildeten Konstrukte nacherzählt.

Nebenbei wird gleichzeitig getestet, ob das Verdichten aus Schritt 2 ausreichend voll-zogen wurde.

Die komparative Nacherzählung findet sich in dieser Arbeit als Punkt 5 - die Auswer-tung der Forschungsergebnisse.



4.3 Dritte Auswertungsphase

 

In diesem Bearbeitungsschritt geht es um die Darstellung von Aussagen, nach denen nicht direkt von den Forschern gefragt wurde, die aber Aufmerksamkeit erregen. Diese Idiosynkrasie kann als Ausdruck eines Individuums oder einer ganzen Gruppe auftreten. Diese Darstellung findet sich unter Punkt 6.1.

 

4.4 Vierte Auswertungsphase

 

Bei diesem nun folgenden letzten Schritt werden die in der Auswertung gewonnenen Ergebnisse mit den bereits bekannten Aussagen der Literatur verglichen. Dabei wird überprüft, ob die eigenen Forschungsresultate mit der Literatur übereinstimmen.

Bei der vorliegenden Forschungsarbeit findet sich die Diskussion mit der Literatur im Abschnitt 6.2.




5 Darstellung der Ergebnisse

 

Den AutorInnen scheint es im ersten Schritt sinnvoll, die aus den verschiedenen Interviews gewonnenen Ergebnisse getrennt nach den befragten Gruppen, Punks und Nicht-Punks, darzustellen.

Da es das Anliegen der Forschenden ist, die Selbsteinschätzung der Punks den Meinungen der Personen, die nicht dieser Jugendkultur angehören, gegenüberzustellen, werden sich die AutorInnen jeweils der Beschreibung der Aussagen der befragten Punks widmen und nachfolgend die Ansichten der Nicht-Punks darlegen.

 

5.1 Vorstellung der Interviewpartner

 

„Naja so jeder hat so seinen eigenen Punk halt sozusagen im Kopp.”

So Bertls Antwort auf die Frage nach der Lebenseinstellung eines Punks. Bertl war einer der ersten Interviewpartner und seine Antwort auf diese generelle Frage wiederholte sich auch bei Gonzi und Pitt in ähnlicher Weise. So war Pitts Meinung, dass Punksein selbst schon eine Lebenseinstellung darstellt, obwohl es einen bestimmten Punk an sich gar nicht gäbe. Doch zuerst sollen hier die drei genannten Punks und ihre aktuellen Lebenssituationen vorgestellt werden.

 

Gonzi, der mit 18 Jahren jüngste von den AutorInnen befragte Punk, lebt in der mittelgroßen Kreisstadt A. in seiner eigenen Wohnung, auf die er zwar stolz ist - genauso wie auf sein eigenes Auto, die er aber trotzdem als „abgefuckt” bezeichnet. Diese Situation entstand durch den Wegzug seiner Eltern, denen er nicht folgen wollte, um sein Fachabitur in A. beenden zu können. Zur Zeit besucht er die elfte Klasse der Fachoberschule Richtung Sozialwesen. Auch wenn das Geld immer knapp ist, kann er ein selbständiges Leben führen.

Mit 13 Jahren setzte sich Gonzi in den Kopf, „allen den Stinkefinger zeigen zu müssen”, begann mit dem Rauchen, dem Trinken und rasierte und färbte sich seine Haare. Damit wollte er allen zeigen, dass er der Größte ist und mit dieser Lebenseinstellung trotz Problemen zurecht kommt. Bald kam er in Kontakt mit Leuten, die auf der Straße lebten und diese Einstellung teilten.

Pitt kam schon in der sechsten Klasse in Berührung mit Punk - durch die Musik von „Die Ärzte”, „Toten Hosen”, der „Sex Pistols” und „The Clash”. Bei ihm war es damals eher ein fließender Übergang von der Musik zum Punksein, schon bald besuchte er seine ersten Konzerte und rasierte sich einen „Iro”. Jetzt ist Pitt 19 Jahre alt und absolviert eine Lehre zum Datenverarbeiter.

Der dritte der befragten Punks, Bertl, ist 22 Jahre alt und zur Zeit ohne Anstellung. Allerdings arbeitet er ehrenamtlich im Vorstand eines Jugendclubs in seiner Heimatstadt R., was für ihn eine verantworungsvolle Aufgabe darstellt. Nach neun Schuljahren begann er im Jahr 1993 ein BVJ (berufsvorbereitendes Jahr) und lernte dabei einen Freund kennen, den er ins M. - den Szenetreff der Punks in R. - begleitete. Im Laufe der Zeit ist er da „hängengeblieben”, konnte sich bald mit den Ideen und Einstellungen der dortigen Jugendlichen identifizieren, auch wenn man ihn anfangs als „Kiddie oder Mitläufer” bezeichnete. Mit seinen Eltern gab es oft Auseinander-setzungen - Gründe dafür waren sein Äußeres mit zerrissenen Klamotten, einem Iro und der ständige Alkoholkonsum. Deswegen musste er aus der Wohnung seines Vaters ausziehen, heute lebt er bei seiner Mutter und das Verhältnis zu seinen Eltern hat sich verbessert. (Kategorien AP und HP)

 

Die zur Einschätzung der Punks interviewten Jugendlichen werden im Folgenden an Hand ihrer aktuellen Lebenssituation vorgestellt.

 

Siggi, 23 Jahre alt, lebt in einer sächsischen Kleinstadt. Nach einem Jahr Studium, Ableistung des Grundwehrdienstes und einer Ausbildung zum Maurer arbeitet er jetzt als Zimmermann und Trockenbauer in seiner Heimatstadt.

Die 21-jährige Kerstin ist gelernte Erzieherin und tätig in einer Jugendwohngruppe in L., sie ist gerade mit ihrem Freund in eine eigene Wohnung gezogen.

Doris hingegen lebt noch bei ihren Eltern und besucht mit 16 Jahren eine Fachoberschule Richtung Sozialwesen. (Kategorie KN)

 

5.2 Punksein und seine Ausdrucksformen

 

Nach der Bekanntmachung mit unseren Interviewpartnern soll nun die Einstellungen zu und über Punks/ Punksein beschrieben werden.

 

Außenstehende machen Punksein zuerst am Aussehen fest: „Wilde Haare, wilde Frisur, schrille Klamotten (...)” so Siggis erste Gedanken an Punks. Jemand, der anders „rumrennt” als andere. Als Charakteristika werden bunte, zerfetzte Kleidungsstücke beschrieben. Auch die Haare, meist bunt gefärbt oder abrasiert, drücken Eigenwilligkeit aus. (Kategorie JN)

 

Bei Punks selbst unterscheiden sich die Aussagen über das Aussehen.

Einerseits heißt es bei Bertl, wie man „rumrennt” ist egal, da nur die innere Überzeugung entscheidend ist. Andererseits sagt Gonzi dazu, dass es innerhalb einer Gruppe bereits Streitpunkte über das Aussehen gibt, zum Beispiel über die Länge der Haare. Außerdem lassen sich aus den Interviews bestimmte bevorzugte Outfits ableiten, die mit dem Punksein verbunden sind: der sogenannte „Iro”, Lederjacken mit Auf-nähern und Nietenverzierungen. (Kategorie BP, LP)

 

Typische Verhaltensweisen dienen neben diesen Äußerlichkeiten dem Ausdruck einer oppositionellen Haltung zu allem Bestehenden, Staat, Gesellschaft und den konven-tionellen Normen. Bertl betont dabei, wie wichtig es ihm ist, „sein eigenes Ding” zu machen und in Ruhe gelassen zu werden.

Auch Pitt bringt durch sein Verhalten zum Ausdruck, dass er die herrschende „Konsum- gesellschaft” und die „Gleichgültigkeit der Menschen” nicht nur ablehnt, sondern regel-recht „zum Kotzen” findet.

 

Aus den Interviews ist aber deutlich geworden, dass sich die Lebenseinstellung der befragten Punks ändern kann: Gonzi zum Beispiel hätte vor ein paar Jahren nicht gedacht, eines Tages einem geregelten Leben nachzugehen, sein Abitur zu machen und das Alkoholtrinken für das Autofahren einzuschränken, sich mit seiner Mutter wieder zu verstehen, Verantwortung zu übernehmen und sich gewissen Rahmenbedingungen anzupassen. Mit 13 Jahren war es ihm noch wichtig, seine Ablehnung zu demonstrieren. (Kategorie BP, CP)

 

Im Gegensatz dazu sehen die drei von uns befragten Jugendlichen, die nicht zu dieser Szene gehören, Punks eher als eine Gruppe, die den ganzen Tag hauptsächlich auf der Straße verbringt. Ihrer Meinung nach verdienen sich einige zwar ihr Geld „ordentlich” (Doris), aber ein Großteil würde von Passanten Geld „schnorren” – „haste ma `ne Mark?” (vgl. Kerstin). Sie leben in den Tag hinein und sehen ihr Leben meistens positiv. Ausbildung und Schule scheint ihnen egal zu sein, wie die eigene Familie. Für Kerstin ist es außerdem typisch, dass viele Punks Hunde um sich haben und als lockeres Völkchen an bestimmten Stellen, wie Parks und Jugendclubs, anzutreffen sind. (Kategorie AN)

 

Auch wenn sie von Außenstehenden als Gruppe gesehen werden, spielt sich für die Befragten nicht alles nur mit Gleichgesinnten ab. Wenn es um gemeinsame Parties oder Aktionen gegen Andersdenkende geht, finden sich unter Punks gute Kumpels. Feste und echte Freundschaften bestehen für Gonzi und Pitt aber nur mit außenstehenden, neutralen Personen, mit denen eher ein differenzierter Gedankenaustausch möglich ist. Bertl dagegen hat ausschließlich Freunde in der Punksszene. (Kategorie FP)

 

Doris, die früher mit Punks befreundet war, fand unter ihnen einen großen Zusammenhalt und Zuverlässigkeit, Leute mit denen man Spaß haben kann. Siggi hat selbst noch gar keinen persönlich Kontakt. Kerstin hingegen steht in keinem persönlichen Kontakt zu Punks, hat ihnen schon ab und zu Geld zugesteckt und würde dies auch wieder tun. Ihrer Meinung nach leben einige aus Überzeugung so, andere aber geraten passiv oder durch Arbeitslosigkeit in diese Kreise. (Kategorie CN, GN und IN)

 

5.3 Politisches Verständnis, Polizei, Kriminalität

 

Das fehlende politische Engagement begründet sich bei Bertl in der Ablehnung der „Antifa”-Bewegung seiner Heimatstadt. „Eigentlich isses ja `n Punk is ja eigentlich unpolitisch, der hat gegen alle was, gegen jeden halt.”, und „Nazis” lehnt er strikt ab.

 

Gonzi und Pitt vetreten in dieser Hinsicht eine klare Meinung. Gonzi ist Mitglied der PDS-Jugend und nennt in diesem Zusammenhang seine Teilnahme an Demonstrationen in seiner Heimatstadt, Jugendcamps und Diskussionen. Ihm geht es darum, das politische Denken der Jugend zu fördern. Pitt dagegen lehnt den Staat und das System ab und will sich ein Stück von der Gesellschaft abgrenzen. (Kategorie GP)

 

Im Gegensatz zu den Punks selbst sprechen Siggi, Kerstin und Doris von „anarchistischem Denken” bei den Punks, Normen und Regeln des Gemeinwesens werden ihrer Meinung nach von den Punks abgelehnt. Über das politische Engagement unterscheiden sich die drei in ihren Aussagen. Laut Siggi und Kerstin sind Punks nicht politisch interessiert, sie haben keine politischen Ziele. Doris erscheinen sie allerdings sehr engagiert, sie nehmen an Demonstrationen teil, obwohl sie „nicht so richtig wissen, was sie sagen”.

„Also wenn wirklich Anarchie herrschen würde, würden sie [die Punks, Anm. der Verf.] vielleicht gar nicht mehr leben.” so Doris. (Kategorie EN)

 

Unter Punks herrscht eine generelle Ablehnung gegenüber „Bullen” - so die Bezeichnung der Polizei. Sie sind laut Pitt „Marionetten des Scheißstaats” und „rassistisch” - zu dieser Schlußfolgerung kommt er aufgrund von diversen Erlebnissen. Ein gewisses Gewaltpotential zwischen den zwei Gruppen wird laut Gonzi dadurch gefördert, da die Polizei eine „Möchtegern-Autorität” ausstrahlt und die Punks provoziert. Dadurch entstehen viele Missverständnisse. Auch Bertl berichtet nur von negativen Erlebnissen mit der Polizei, so zum Beispiel bei einer Hausbesetzung. Es kam schon oft zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen ihnen. Für Pitt sind es „Kleinigkeiten, Nichtigkeiten” wie Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Schlägereien, bei denen die Polizei eingreift. Bertl musste sogar schon vor Gericht er-scheinen - wegen Beschädigung von Autos und Brandstiftung in einem Club rechts-gerichteter Jugendlicher. Er steht auch dazu, illegale Rauschmittel konsumiert zu haben. (Kategorie DP, EP)

 

Doris sieht in den Punks ein Gewaltpotential, besonders bei Demonstrationen und Provokationen durch „Faschos”, was allerdings auf Gegenseitigkeit beruht. Kriminell sind sie aber nur im Sinne von Ladendiebstählen, Drogenmissbrauch. Für Siggi sind Punks höchstens „Kleinkriminelle”, auffallend durch Diebstahl, Bettelei, Taschendiebstahl, Lärmbelästigung, Häuserbesetzung etc. Kerstin hingegen glaubt, dass Punks gut ohne Gewalt auskommen. (Kategorie BN)

 

5.4 Persönliche Erfahrungen der Punks und gesellschaftliche Meinungen

 

An dieser Stelle soll dargestellt werden, welche Erfahrungen die von uns Befragten aufgrund ihres Punkseins in der Gesellschaft gemacht haben. Die Allgemeinheit bringt Personen, die nicht dem Mainstream entsprechen, immer wieder Vorurteile und Intoleranz entgegen, so Pitt. Einige Menschen denken beispielsweise, dass Punks Ab-schaum sind und vergast werden sollten, begründet er weiter. Mit 14 Jahren wurde er aufgrund seiner Aktivität als Punk (Hausbesetzung) von 15-20 „Glatzen” zusammen-geschlagen. Andere denken, er sei „blöd” und äußern dies auch.

Gonzi unterscheidet zwischen Personen, die einem ohne Vorurteile, „normal” gegen-übertreten, „und sei es mal die alte Dame von nebenan”. Mit diesen würde auch über seine Ansichten und sein Äußeres diskutieren. Allerdings hat er ein Problem mit vorurteilsbelasteten Menschen, die zum Beispiel alle Punks als „dreckige Schweine” bezeichnen, die nur saufen und herumhängen.

Bertl stören „Spießer”, die hinter seinem Rücken über sein Aussehen reden und ihn „anglotzen”. Schlechte Erfahrungen, die mit einem Punk gemacht werden, werten
die gesamte Gruppe ab. Ausdruck für diese Ablehnung auch bei Jugendlichen untereinander ist das Fehlen von Jugendclubs für Punks in Gonzis Heimatstadt A. (Kategorie IP, KP und MP)

 

Doris gibt zu, dass sie Vorurteile gegenüber Punks hat, obwohl sie früher mit einigen Punks befreundet war. Als negativ empfindet sie ihre Aufdringlichkeit beim „Schnorren”, ihre Rücksichtslosigkeit und ihrer Intoleranz gegenüber Andersdenkenden.

Die Voreingenommenheit der Aussagen von Kerstin und Siggi beruht darauf, dass beide keinen Punk persönlich kennen. (Aber Vorurteile herauszufinden war auch ein Teil dieser Arbeit.) Siggi denkt, dass die Gruppe der Punks „die am wenigsten geachtete” in der Gesellschaft ist. Aber es existierten andere Probleme, die in der Öffentlichkeit für mehr Gesprächsstoff sorgen. „Die Leute wissen´s zwar, dass es so etwas gibt und lehn´ das vielleicht o instinktiv ab, obwohl se selber keen einzigsten kennen oder no keen gesehen ham...” Heute ist es eine Ablehnung durch die Menschen, während die Punks zu DDR-Zeiten durch den Staat nicht geduldet wurden bzw. Repressalien ausgesetzt waren. (Kategorie DN, FN und HN)

 

5.5 Zukunftsvorstellung der befragten Punks

 

Für seine Zukunft hat Bertl keine weiteren Pläne, er möchte eine Familie gründen und den Jugendclub in seiner Heimatstadt weiter führen, damit dieser nicht schließen muss. Arbeiten möchte er auch wieder, da es mit der Zeit „langsam langweilig” wird, „den ganzen Tag nichts zu machen”. Trotzdem sieht er sich in der Gesellschaft eher als über-flüssig und befürchtet die Auflösung des Jugendclubs.

Nach dem Schulabschluß möchte Gonzi Soziale Arbeit studieren und später in diesem Berufsfeld arbeiten. Politisch will er sich zukünftig weiterhin nur in seiner freien Zeit engagieren.

Auch Pitt möchte nach seiner Lehre das Abitur nachholen und eventuell später studieren, er strebt ein „normales Leben” an, will sich dabei aber nicht großartig verändern. Pitt hat sich als Ziel gesetzt, Konzerte - auch in anderen Orten - zu organisieren und Kontakte mit anderen Punks zu knüpfen. Punk ist und bleibt für ihn eine Lebenseinstellung. (Kategorie JP)




6 Diskussion der Ergebnisse

 

Nachdem die AutorInnen die Interviews hinsichtlich ihrer Fragestellung ausgewertet haben, erfolgt nun im nächsten Schritt die Darstellung der idiosynkratischen Resultate, daran anschließend die Diskussion der gewonnenen Ergebnisse mit der in Punkt 1.1 erwähnten Literatur. Als drittes werden hier fünf Gütekriterien vorgestellt und in Verbindung mit der Forschungsarbeit ausgewertet.

 

6.1 Idiosynkratische Aussagen

 

Unter idiosynkratischen Aussagen werden Inhalte verstanden, nach denen die Forschenden nicht direkt gefragt haben, welche aber wichtig sind und zur Thematik gehören. Hierbei wird zwischen kollektivem und individuellem Idiosynkratischen unterschieden. Zu ersterem zählen Äußerungen, die sich in vielen Interviews wiederholen, individuell sind diese Phänomene, wenn sie nur bei einem der Befragten auftreten. Daraus können sich durchaus neue Fragestellungen ergeben.

 

Das Wort „Anarchie“ ist in verschiedenen Nachschlagewerken einerseits als Herrschaftslosigkeit und Gesetzlosigkeit – somit als Chaos erklärt, andererseits hat das Wort die Bedeutung der größtmöglichen Selbstverantwortung des Einzelnen (vgl. Fremdwörterbuch 1997, S.61; Brockhaus Lexikon 1997, S.169).  

Auch die AutorInnen haben in ihren Vorüberlegungen Anarchie sofort mit Punks verbunden, allerdings differierten ihre Vorstellungen davon. Auch in den Interviews mit Doris, Kerstin und Siggi taucht das Wort auf, unter anderem in Verbindung mit „anarchistischem Denken“ und Macht des Stärkeren (vgl. Interview mit Doris). Die Punks dagegen erwähnen es überhaupt nicht, weder bei der Schilderung ihrer eigenen Vorstellungen noch bei der Beschreibung von Vorurteilen, mit denen sie sich ausein-andersetzen müssen. Die AutorInnen können nur mutmaßen, warum der Begriff Anarchie von den Punks nicht erwähnt wird: möglicherweise können sich Pitt, Gonzi und Bertl mit dem Inhalt dieses Ausdrucks nicht identifizieren und er gehört einfach nicht zu ihrer Lebenseinstellung, oder sie wollen sich nicht durch Begrifflichkeiten festlegen (lassen). Diese Erkenntnis ordnen die AutorInnen dem kollektiven Idiosynkratischen zu, da einer-seits bei den Nicht-Punks das Auftreten der Begrifflichkeit, bei den Punks hingegen das Fehlen bemerkenswert ist.

Ausdrücke individueller Idiosynkrasie fallen in Pitts Interview auf. Dabei schildert er allerdings die Meinung anderer Leute und seine Erfahrungen damit. Schockierend ist einerseits die starke Abneigung gegen Punks und andererseits das Vokabular, das sehr an die nationalsozialistische Vergangenheit erinnert: „Viele Leute denken, dass Punks Abschaum sind..., dass man solche Leute vergasen müsste oder ins Arbeitslager schicken sollte.“; und an anderer Stelle - aus dem Mund eines Polizisten - „...früher hätte die Reichsbahn 30 Pfennig für euch bekommen...“ (Interview mit Pitt).

Auch den AutorInnen sind solche Äußerungen im täglichen Leben leider schon oft begegnet, meist in Verbindung mit ablehnenden Äußerungen gegenüber Außenseitern der Gesellschaft wie zum Beispiel Ausländern, Kriminellen oder eben Jugendkulturen.

 

6.2 Vergleich mit der Literatur

 

„Vielmehr sind die heutigen Jugendkulturen freizeitbezogener (...).” (Baacke 1993, S.129). Die AutorInnen waren sich schon am Anfang der Forschung im Klaren, dass es sich bei Punks weniger um eine freizeitbezogene Jugendkultur handelt, wie es Baacke formulierte, als um eine Lebenseinstellung. Allerdings geben die Forschungsergebnisse Baacke in der Hinsicht recht, dass eine „Pluralisierung” unter den einzelnen und innerhalb einer Jugendkultur stattgefunden hat. Das bedeutet, dass es einerseits unzählige Formen von Jugendkulturen gibt, und andererseits schon in einer Gruppe Differenzen über das Wesen dieser Kultur existieren. Auch die AutorInnen haben dies bei den befragten Punks feststellen können. Die Aussagen gleichen sich insofern, als dass es den typischen Punk nicht gibt. Im Grunde sind sie sich darüber einig, dass jeder Punk das tut, was ihm gefällt, aber die Ansicht darüber, was gefällt, ist individuell.

Eine gewisse „Widerstandsbewegung” und „jugendliche Selbstausbürgerung” (vgl. Baacke 1993, S. 132) spiegelte sich ebenso in den Interviews mit den Punks wieder. Auch die von den AutorInnen befragten Nicht-Punks sehen die Jugendkultur der Punks als Ausdruck der Ablehnung der Gesellschaft mit ihren Regeln und Normen.

Eckert, Reis und Wetzstein sehen die Punks als Jugendkultur mit „ästhetischer Revolte und Negation der Gesellschaft”. Die Befragten, welche nicht der Punkszene angehören, stimmen mit den oben genannten AutorInnen darin überein, dass Punksein mit dem „Anderssein” verbunden ist (vgl. Titel des Buches von Eckert, Reis und Wetzstein: „Ich will halt anders sein wie die anderen”). Siggi, Kerstin und Doris gehen sogar soweit zu sagen, dass Punks anarchistisch denken oder Anarchie wollen. Davon hat allerdings keiner der von den AutorInnen befragten Punks geredet.

Bei der Frage der „Ablehnung der gesellschaftlichen und politischen Ordnung” mit ihren „allgemein akzeptierte Werte und Normen” kommt es bei den drei interviewten Punks zu Differenzierungen. Einerseits lehnen sie „Normale” und „Spießer” ab und wollen auf keinen Fall so werden wie diese, andererseits leben sie größtenteils angepasst, indem zum Beispiel Gonzi und Pitt ihr Abitur absolvieren wollen und möglicherweise studieren werden, und Bertl einen Arbeitsplatz finden und eine Familie gründen möchte. So meistern alle drei Punks ihr Leben (auch aufgrund ihres Alters) mehr und mehr selbständig und es ist bei ihnen nie von einer gewünschten sozialpädagogische Betreuung die Rede, wie sie laut Baacke sowieso abgelehnt werden würde.

In der Tat wird das „Systems“, wie es Eckert, Reis und Wetzenstein formulieren, von Punks abgelehnt.

Es besteht lediglich der Wunsch nach einem eigenen Club, wo sie sich entsprechend ihrer Lebenseinstellung entfalten können. Einen solchen Jugendclub gibt es nur in der Heimatstadt von Bertl, in dem er sich im Vorstand engagiert und wo beispielsweise auch Punkkonzerte stattfinden.

Musik ist ein wichtiger Bestandteil der Punkkultur. Pitt erwähnt ebenso wie Baacke die „Sex Pistols”, als eine der Bands, durch die er zum Punk gekommen ist. Schnelle und harte Rhythmen prägen diese Musikrichtung. Die Inhalte der Liedtexte seien nach Baacke klar und schockierend, können aber auch alltägliche oder lustige Themen behandeln, wie die AutorInnen in Vorbereitung der Forschung selbst erfahren haben. Nicht nur bei Konzerten kommt es oft zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei oder mit andersdenkenden Jugendlichen. Doris, Kerstin und Siggi stimmen mit der Meinung von Eckert, Reis und Wetzstein überein: Gewalt nicht um jeden Preis (vgl. 2000, S.45); sie denken, dass Punks nicht zu Gewalt neigen und ihre Probleme anders klären. Bei Konflikten mit der Polizei oder bei Provokationen würden sie allerdings doch gewaltbereit reagieren.

Pitt will nicht „gleichgültig” in dieser „Konsumgesellschaft” leben, sondern sich von dieser abgrenzen, genauso wie es Eckert, Reis und Wetzstein äußern. Im Vordergrund steht laut diesen der „gelebte Gemeinschaftssinn und die Verbundenheit mit Gleichgesinnten (...) der Gesellschaft” gegenüber. Bertl verspürt diesen Gemeinschafts-sinn und diese Verbundenheit mit seinen Freunden, die sich ausschließlich in der Punkszene finden. Doch Gonzi hat in Bezug auf diesen Aspekt eine andere Einstellung: er findet es wichtiger, in mehrere Richtungen zu denken. Um nicht nur eine grobe Einheitsmeinung aufkommen zu lassen, wie es seiner Ansicht nach bei Punks der Fall ist, hat er hauptsächlich Freunde, die anderen Jugendkulturen angehören.

Die von Eckert, Reis und Wetzstein (2000, S. 45) aufgezählten Äußerlichkeiten, wie z.B. „zerschlissene, teilweise dreckige (Leder-)Sachen, bunt gefärbte Haare, in alle Länge und Richtungen abstehend (...)”, sind mittlerweile zu gängigen Vorstellungen über Punks geworden. Die befragten Nicht-Punks bestätigten diese Meinung und auch die Forschenden konnten sich durch den Kontakt zu mehreren Punks selbst davon ein Bild machen. Allerdings möchten sich die AutorInnen nicht der Meinung von Eckert, Reis und Wetzstein anschließen, die in ihrem Buch zu dem Schluß gelangt sind, dass Punks sich selbst als „Lumpenproletariat” und gewollt hässlich repräsentieren (vgl. Eckert, Reis und Wetzstein 2000, S. 45).

„Also direkt Punks jetzt würd´ ich beschränken wollen bis 30 (Jahre)”, so Siggi. Wie in der Literatur beschrieben und von Siggi festgestellt, ändert sich im Laufe Entwicklung des Jugendlichen auch das äußere Erscheinungsbild, so bleiben einige der kritischen Überzeugung der Punkzeit treu.

Baacke führt weiter an, dass Punks in der heutigen Zeit, genau wie andere Jugendkulturen, einer „Enttypisierung” unterliegen. Konkret für die Jugendkultur der Punks bedeutet das eine Verallgemeinerung ihrer typischen Merkmale - man muss heute kein Punk mehr sein, um mit bunt gefärbten Haaren herumzulaufen, und nicht alle, die die Gesellschaft ablehnen, gehören zu dieser Gruppe. Auffallen würden heutzutage nur noch „Penner-Punks” oder das Auftreten in einer großen Gruppe, wie es Kerstin bemerkte. Allerdings gibt es charakteristische Merkmale, mit denen ein Punk seinem Punksein Ausdruck verleiht und sich von anderen, durchschnittlichen Menschen abgrenzt. Beispielhaft dafür sind die von den interviewten Nicht-Punks aufgezeigten Erkennungszeichen. Wie aus der Literatur zu entnehmen ist, ist eines dieser Kennzeichen das Aufhalten auf der Straße oder an bestimmten öffentlichen Plätzen und das „Anschnorren” von Passanten. Pitt und Gonzi gehen durch ihre Ausbildung einem geregelten Tagesablauf nach - das obengenannte Kennzeichen trifft also nicht auf sie zu. Bertl dagegen „hängt” mit seinen Kumpels im Jugendclub ab, womit die Aussagen aus der Literatur bestätigt werden.

In Bezug auf Alkohol und Drogen ist Bertl der Einzige, der konkrete Aussagen macht. Er konsumiert illegale weiche Drogen und Alkohol. Siggi geht davon aus, dass legale und illegale Drogen in der Punkszene verbreitet sind. Diese Angaben decken sich mit denen in der Literatur.

Den Einstieg in die Punkszene, z.B. durch Lustlosigkeit, Gewalterfahrungen, Probleme im persönlichen Umfeld oder durch Freunde, wie er in der Literatur beschrieben wird, haben die Forschenden wiedererkannt. Die AutorInnen sind der Meinung, dass die Zugehörigkeit zu jeglicher Jugendkultur durch das persönliche Umfeld beeinflusst wird. Die Gründe für den Einstieg in die Punkszene sind immer individuell, aber viele Jugendliche werden unter den gleichen Bedingungen zum Punk.

 

Generell lässt sich also festhalten, dass einige Aussagen der Literatur durch die vorliegende Forschung bestätigt werden konnten. Andererseits waren Aspekte der verwendeten Literatur (beispielsweise die auf den Seiten 6 und 7 erwähnten Inter-gruppenbeziehungen) teilweise aufgrund der eingeschränkten Forschungsfrage nicht wiederzufinden.

 

6.3 Gütekriterien

 

Gütekriterien sind ein wichtiger Bestandteil für die wissenschaftliche Anerkennung einer Forschung. Die Kriterien möchten die AutorInnen an der Stelle darstellen und sich anhand dieser mit ihrer Forschungsarbeit auseinandersetzen.

 

Objektivität

Dieses Gütekriterium betreffend äußert Flick:

„Aussagen sollen möglichst allgemein und unabhängig von den konkret untersuchten Fällen betroffen und beobachtete Phänomene in ihrer Häufigkeit und Verteilung bestimmt werden. Um Kausalzusammenhänge und deren Gültigkeit möglichst eindeutig zu bestimmen, werden die Bedingungen möglichst weitgehend kontrolliert, unter denen die untersuchten Phänomen oder Zusammenhänge auftreten. (...) Dies dient unter anderem der Gewährleistung der Objektivität der Untersuchung, wobei die Subjektivität des Forschers ebenso wie die der untersuchten Subjekte weitgehend ausgeklammert wird.” (1999, S.11)

 

Da die vorliegenden Arbeit über die Jugendkultur der Punks eine qualitative Sozialarbeitsforschung ist und die AutorInnen zu keiner Zeit der Forschung völlig objektiv arbeiten können, muss in diesem Fall die Standardisierung und statistische Repräsentativität beschränkt werden. Eine gewisse Standardisierung konnte durch die Erstellung der beiden Leitfäden (siehe Anhang) erreicht werden. Hierbei wurden - getrennt für Punks und Nicht-Punks - zwei unterschiedliche Leitfäden verfasst und die Interviewpartner tatsächlich danach befragt. Obwohl zwei verschiedene Vademekums für die zu Befragenden erstellt wurden, wurde der gleiche Kontext erforscht, nämlich die Selbstdarstellung und Fremdeinschätzung der Jugendkultur der Punks. Eine statistische Repräsentativität, die durch eine sehr hohe Zahl an Interviews in etwa erreicht wird, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Deswegen haben sich die AutorInnen bei der Auswahl ihrer Interviewpartner auf besonders durchschnittliche Fälle konzentriert und auf extreme Meinungen bewusst verzichtet. Das Wissen um die Durchschnittlichkeit der Ansichten der Befragten ergibt sich aus der Bekanntschaft mit den Nicht-Punks, der Menschenkenntnis und einem intuitiven Gefühl, welches sich allerdings nicht wissenschaftlich beweisen lässt.

 

Reliabilität

Reliabilität bedeutet Zuverlässigkeit. Ergebnisse, welche heute erzielt werden, dürfen ihre Gültigkeit auch in näherer Zukunft nicht verlieren. Das bedeutet auch, dass sich Aussagen nie stereotypisch wiederholen, aber dennoch größtenteils den gleichen Inhalt besitzen in Bezug zur selben Forschungsfrage. Wenn die altersbedingte Entwicklung der Jugendlichen keinen Wandel in ihrer Einstellung zum Punk mit sich ziehen würde, bestände eine gewisse Reliabilität.

Nach Flick sollte eine „prozedurale Reliabilität” in einer Forschungsarbeit vorhanden sein. Das heißt, dass die Auswertung der Interviews für Dritte oder für LeserInnen nachvollziehbar ist. Eine Offenlegung der Forschungsmethode ist somit notwendig und wurde von den AutorInnen so umgesetzt.

 

Validität

Die Validität als Gütekriterium gliedert sich in verschiedene Bereiche. Die prozedurale Validität erfordert beispielsweise eine Offenlegung des Materials und der Inter-pretationsschritte. (Wurde von den AutorInnen größtenteils realisiert.) Eine weitere Form der Validität ist die kommunikative Validierung. Wenn bei der Auswertung des Interviews durch den Forscher eine Unklarheit bei einer Aussage des Befragten auftritt, erfolgt eine erneute Befragung hinsichtlich des Auswertungsproblems. Dieser Fall trat bei der Arbeit auf: die AutorInnen mussten Pitt noch einmal aufsuchen, da seine Formulierungen betreffs des Unterschieds zwischen Punk, Punker oder Punkrocker für die AutorInnen nicht verständlich waren. Bei einem nochmaligen Gespräch stellte sich heraus, dass Pitt im Interview nach eignen Aussagen seinen Gedankengang nicht zu Ende geführt hat. Dies hatte zur Folge, dass einige Textstellen (siehe Punkt 4.1, S.19, S.20) von den AutorInnen erneut bearbeitet und korrigiert werden mussten.

 

Gegenstandsangemessenheit

Hier findet eine Argumentation statt, die die Angemessenheit von Erhebungs- und Auswertungsmethode nachweisen soll. In der vorliegenden Forschungsarbeit wurden Leitfadeninterviews in Form eines episodischen und eines fokussierten Interviews zur Erhebung der Daten genutzt. Diese wurden im Vorfeld von den Forschern ausgesucht und haben sich als praktisch gut durchführbar und effektiv erwiesen. Außerdem registrierten die AutorInnen eine Weiterentwicklung in der Interviewführung. Während bei den ersten Befragungen zu wenig auf die Antworten eingegangen und nachgefragt wurde, änderte sich dies im Verlauf der folgenden Befragungen. Das zeigt sich auch an der Länge und Ausführlichkeit der nächsten Interviews. Auch bemerkten die AutorInnen, dass für sie einige Sachverhalte ohne weitere Erklärungen verständlich waren. Im nachhinein wurde aber deutlich, dass eigenes Verständnis keine Voraussetzung für allgemeines Verstehen ist (wie schon in 3.3 erwähnt).

Die Ergebnisse aus diesen Interviews wurden mit Hilfe des „Zirkulären Dekonst-ruierens” nach Jaeggi und Faas ausgewertet. Diese Methode erschien den AutorInnen als geeignet und hat sich im Laufe der Auswertungsphase bewährt.

 

Triangulation

Laut Flick ist unter Triangulation die Kombination verschiedener Methoden, verschiedener Forscher, mehrerer Datenquellen und (Auswertungs-, Erhebungs-) Methoden zu verstehen (vgl. Flick 1999, S.249). Die AutorInnen konnten die Triangulation in Bezug auf verschiedene Daten und mehrere Forscher umsetzen. Zum einen wurden mehrere Punks und Nicht-Punks befragt. Auf der anderen Seite ist dies eine Gemeinschaftsarbeit von drei Forschenden, die natürlich persönliche Arbeitsstile und Denkstrukturen einbringen. Das zeigt sich bei der Interviewführung, bei der Auswertung und bei Bearbeitung einzelner Gliederungspunkte. Dieser Aspekt hat durchaus positive Folgen: durch unterschiedliche Sichtweisen wurden Diskussionen angeregt, was wiederum zu einer tieferen Auseinandersetzung und Verinnerlichung der Problematik führte. Die Beteiligung von drei Forschenden an dieser Arbeit hat daneben sowohl einen weiteren Vorteil als auch einen Kehrseite: Konnten sich die drei die anfallende Arbeit teilen, so musste bei der gemeinsamen Bearbeitung in (teilweise zeitraubenden) Diskussionen und Gesprächen ein Konsens gefunden werden.




7 Und zum Schluss...

 

... kommt manches anders als gedacht. So erging es zumindest stellenweise den AutorInnen bei der Auswertung ihrer Forschungsergebnisse.

So hätten sie nie solche mit beiden Füßen im Leben stehende Punks erwartet, sondern eher ein leichtlebiges Völkchen, welches jegliche festgefahrene Normalität der Gesellschaft ablehnt und von Anarchie träumt.

Auch ist es erstaunlich, dass sich die befragten Nicht-Punks zu diesem Thema so umfangreich äußerten, ohne sich jemals konkret damit beschäftigt zu haben oder jemanden aus dieser Szene zu kennen. Dies zeichnet einerseits Menschen aus, die mit offenen Augen und allgemein interessiert durch das Leben gehen, aber andererseits kann dieses unkonkrete Halbwissen auch ein guter Nährboden für Vorurteile sein. Ein Anliegen der AutorInnen war es, Voreingenommenheit festzustellen und aufzuzeigen – anders lässt sich eine Fremdeinschätzung schwerlich dokumentieren. So waren die AutorInnen am Ende selbst überrascht, einer solchen Toleranz zu begegnen, obwohl sie sich im gesamten Zeitraum darüber bewusst waren, ihre Interviewpartner aus der breiten Mitte gewählt zu haben.

 

Wenn man sich selbst im täglichen Leben ein wenig beobachtet, wird man bemerken, wie oft man bei der Betrachtung der verschiedensten Dinge an die Grenzen seiner eigenen Toleranz stößt. Jeder Mensch vertritt seine Normen und Wertvorstellungen, die er sich im Laufe seines Lebens angeeignet hat, die sich aber durchaus im Laufe der Zeit teilweise verändern werden und sollten. So ist es nicht unverständlich, dass es oft zu unterschiedlichen Betrachtungsweisen zwischen den Generationen kommt. Ein Ziel dieser Arbeit ist es herauszufinden, welche Unterschiede bereits zwischen Jugendlichen mit unterschiedlichen Weltanschauungen, hier am konkreten Beispiel der Punks, bestehen. Denn gerade an Hand dieser Gruppe kann gut verdeutlicht werden, wie Vorurteile nur auf Grund fernerer Betrachtungen entstehen können. Allerdings konnte in dieser Arbeit nur ein kleiner Teil der sicher sehr großen Vielfalt dargestellt werden.

Unterschieden werden muss dabei zwischen den relativ harmlosen Vorurteilen der Nicht-Punks, die sie in den Interviews äußerten, und den tatsächlichen Erfahrungen, die Punks selbst gemacht haben.

Aber auch an der Denkweise der AutorInnen wurde, wie bereits erwähnt, gerüttelt: so trafen sie zwar auf eine lockere Lebenseinstellung, aber keineswegs auf ein totales Außenseitertum, denn die befragten Punks sind durchaus bereit, ihren Weg in einer Gesellschaft, die sie zwar ablehnen, aber trotz allem hinnehmen, zu gehen.

 

Grenzen anderer Art als die der Toleranz steckten sich die AutorInnen bei dieser Arbeit selbst. Zum einen sollte die Zahl der zu Befragenden gering gehalten, dennoch ein aussagekräftiges Resultat erzielt werden, so dass die wenigen Interviewpartner eine breite Masse vertreten mussten. Andererseits war eine Reduzierung des breitgefächerten Themas nötig, nicht alle interessanten Aspekte des Punkerlebens konnten untersucht werden – wie zum Beispiel die Kindheit.

Eine weitere Grenze, die von den AutorInnen unbeeinflusst entstand, ist der Fakt, dass kein sogenannter „Dreck-“ oder „Penner-Punk“ für diese Arbeit zu finden war. Das liegt sicherlich teils daran, dass Punks immer mehr aus dem Blickfeld der Gesellschaft verschwinden. Andererseits schlägt sich auch hier die Tendenz nieder, dass „ältere“ Punks ihr Leben und/ oder ihr Aussehen „normalisieren“ und der Punk-Nachwuchs ausbleibt.

Diese Befürchtung äußerte schon Bertl in seinem Interview – und als trauriger Beweis für den Schwund innerhalb dieser Jugendkultur steht die Schließung des Jugendclubs M., in dem Bertl ehrenamtlich tätig war.

 

Generell lässt sich sagen, dass die AutorInnen als zukünftige SozialarbeiterInnen die verschiedenen Jugendkulturen als Möglichkeit der Selbstfindung und der Individualisierung innerhalb einer Gemeinschaft – abgesehen von extremistischen, politischen Gruppierungen – sehr schätzen. Mag sein, dass einige von ihnen lediglich Modeerscheinungen sind, mit dem Verschwinden einzelner wird aber neuen Jugendkulturen gleichzeitig Platz geschaffen.




8 Literaturverzeichnis


Baacke, D. (Hrsg.). (1993). Jugend und Jugendkulturen. Darstellung und Deutung.
(2. Aufl.). Weinheim & München: Juventa Verlag.

Drosdowski, G., Scholz-Stubenrecht, W. & Wermke, M. (Hrsg.). (1997).
Duden. Das Fremdwörterbuch. (6., überarbeitete und erweiterte Auflage).
Mannheim: Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG

Eckert, R., Reis, C.& Wetzenstein, T.A. (Hrsg.). (2000). Ich will halt anders sein wie andere. Abgrenzung, Gewalt und Kreativität bei Gruppen Jugendlicher. Opladen: Leske + Budrich.

Flick, U. (1995). Qualitative Forschung. Theorie, Methoden, Anwendung in Psychologie und Sozialwissenschaften. (4.Auflage). Reinbek bei Hamburg: Rowolth Taschenbuch Verlag GmbH.

Hafeneger, B., Stüwe, G. & Weigel, G. (1993). Punks in der Großstadt – Punks in der Provinz. Projektberichte aus der Jugendarbeit. Opladen: Leske + Budrich.

Zirk, W. (1994) Underdogs. Ermittlungen in Jugendsachen.
Köln: Verlag H. Stamm GmbH


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