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Prof. Dr. Rudolf Schmitt: Übersicht über vier Grundrichtungen beraterischen und therapeutischen Handelns

 

Klientenzentrierte Gesprächstherapie

Verhaltenstherapie

Psychoanalyse

Systemische Ansätze / Familientherapie

Zentrale theoretische Begriffe

Organismus, Selbst, Aktualisierungstendenz, Symbolisierung, Inkongruenz, Empathie

klassisches und operantes Konditionieren, Lernen am Modell, Kognitionen, Selbstmanagement, empirische Überprüfung

2 Triebe: Eros und Todestrieb; das Unbewusste, System der Psyche in Es, Ich und Über-Ich gegliedert; Übertragung, Widerstand, Wiederholungszwang

Trennung System-Umwelt, Rückkopplung, Zirkularität statt Kausalität, Homöostase vs Veränderung, Indexpatient 

Was wird als "Ursache" eines Problems gesehen?

Verhinderte Selbstwahrnehmung und Symbolisierung von Wahrnehmungen und Erfahrungen, die im Widerspruch zu Konzepten des Selbst stehen, oder widersprüchliche Konzepte im Selbst.

a) Störendes Verhalten ist gelernt und wird b) oft durch verdeckte (innere/äußere) Belohnung in der Gegenwart aufrechterhalten. c) Alternatives “besseres” Verhalten nicht gelernt oder wieder verlernt.

In das Unbewusste verdrängte Motive, Impulse und Erinnerungen führen zu symptomatischem Verhalten, oft durch gegenwärtiges Erleben ausgelöst.

Problemverhalten von IndexpatientIn hat für soziales System (z.B. Familie) und sich selbst einen Sinn und bewahrt vor Veränderung. Dagegen: de Shazer: Die Frage nach Ursachen hilft nicht bei der Lösung.

Ziele, Planung

keine explizite Zielplanung, eher allgemeines Ziel, die Selbstexploration zu fördern und das Selbst zur Entwicklung und Veränderung zu befähigen

störungsspezifische und explizite Planung von Teilzielen und Zwischenzielen, systematische Evaluation des (Nicht-) Erreichten.

keine explizite Zielplanung, eher allgemeines Ziel, durch Einsicht in unbewusste Motive und Erfahrungen das Verhalten zu verändern und eine psychische Integration zu ermöglichen

Bilder und Pläne für die nähere und fernere Zukunft gründlich erfragt, um kleinste Ziele auf dem Weg in die Zukunft zu eruieren.

Techniken

Verbalisieren emotionaler Erlebnisinhalte, Klärendes Nachfragen bezüglich des eigenen Verstehens, Rekonstruktion der Empfindungswelt

a) vom Einzelfall abgeleitete Techniken der Belohnung, Strukturierung und Zielplanung; b) Standardverfahren (z.B. Densensibilisierung, Reizkonfrontation, Selbstsicherheitstraining); c) kognitive Umstrukturierung.

klassische PA: Sitzung im Liegen mit freier Assoziation auf Seiten der KlientIn, freischwebender Aufmerksamkeit auf Seiten der TherapeutIn mit Interventionen der Klärung und der Deutung von (szenischen) Zusammenhänge.

Umdeuten, paradoxe Interventionen, Frage nach Unterschieden, Konkretisierungen, positives Konnotieren, Komplimente, zirkuläres Fragen, bisher erfolgreiche Handlungen als Ressourcen nutzen, Verschreibung von gezeigtem Verhalten, Beobachtungsaufgaben 

Welche Beziehung wird angeboten?

Empathie, Wärme (bis an die Grenzen der Echtheit der Beratenden)

pragmatisch, zugewandt, optimistisch, auf gemeinsames und eigenes Handeln orientiert; TherapeutIn soll Modell gelingender Bewältigung sein.

Zugewandt, aber deutlich neutraler und distanzierter als in der GT.

Zugewandt - neutral, die Situation strukturierend, "allparteilich": Vermeiden, sich zum Bundesgenossen eines Familienmitglieds zu machen

Unterschied zu alltäglichem Gespräch

keine oder wenig Reaktion auf der Sachebene, Konzentration auf emotionale Vorgänge

konkreter, genauer, in mikroskopischer Art zeitliche, psychische und soziale Abläufe erfragend, nicht schnell alles verstehen

sehr asymmetrische Verteilung der Gesprächsanteile und stärkster Rollenunterschied zwischen KlientIn und AnalytikerIn

Vermeiden von negativen Selbstbeschreibungen und kein "Bohren im Problem", strategisch auf Bewältigung orientiert

Umgang mit Vergangenheit

Sofern von KlientInnen eingebracht, werden emotionale Anteile in der Erzählung von der Vergangenheit vertieft gespiegelt.

In Anamnese erfolgt Rekonstruktion bisheriger klassischer u. operanter Konditionierungen sowie vergangener Modelle für Verhalten, sowie die Rekonstruktion von Kognitionen (Denkmustern).

Setting und Eingangsfrage, die Lebensgeschichte zu erzählen, führen zur wiederholten Thematisierung der Vergangenheit

Bisher erfolgreiches Verhalten wird exploriert, Vergangenheit sonst eher als Hinweis auf Familienregeln und Glaubenssätze interessant

... mit Gegenwart

Es interessieren vor allem die Affekte im Hier und Jetzt

Übungsanteile erfordern hohe Konzentration auf gegenwärtiges Verhalten.

Sofern gegenwärtiges Problem vom Klienten eingebracht, wird in freier Assoziation behandelt

Vor allem die gegenwärtigen sozialen Beziehungen interessieren

... mit Zukunft

Zukunft dann relevant, wenn von KlientIn angesprochen

Zukunft wird in der Zielplanung thematisiert

Zukunft nur relevant, wenn angesprochen, Bearbeitung wie bei Gegenwart

Zukunft sehr wichtig, um innere Haltung und Lebensplanung zu verstehen

Rolle der Emotionen

Die Gewahrwerdung unterschiedlicher und auch widersprüchlicher Emotionen ist zentrales Element der GT.

Emotionen werden verbal nur beschreibend thematisiert. Vor allem in Übungen werden Umgangsformen mit Gefühlen erlernt

Durch Arbeit an den Einfällen und den damit verbundenen Erinnerung zum Teil sehr emotionale Phasen, ebenso starke Emotionen in der Übertragungsbeziehung.

Wenig explizit thematisiert, negative Affekte werden eher vermieden, dagegen humorvolle Umschreibungen genutzt.

Rolle der Kognitionen

Kognitionen werden als mentaler Bezugsrahmen und Konzepte des Selbst des Klienten angesprochen.

explizite Aufklärung über Lernmechanismen, in kognitiver VT Selbstbeobachtung typischer Denkmuster

Keine wichtige Rolle in der Theorie, in der Praxis geht es dennoch um Einsichten in psychische Zusammenhänge - die jedoch nie nur rational, sondern emotional erarbeitet sind 

Keine wichtige Rolle in der Theorie, in der Praxis durch Technik der Befragung sehr an Veränderungen von Kognitionen interessiert

Rolle des sozialen Kontexts

Wenn vom Klienten sozialer Kontext angesprochen wird, ist er in seiner emotionalen Bedeutung im Gespräch relevant

Sozialer Kontext bedeutsam für Verstärker, Strafen und andere Konditionierungen; unter Umständen muss sozialer Kontext aktiv zum Besseren verändert werden.

Wenn vom Klienten angesprochen, dient der Information und zur Frage, warum Kontext gerade an dieser Stelle erwähnt wird.

Das System sozialer Beziehungen, offener und verdeckter Koalitionen und widersprüchlicher Kommunikationen sind das Zentrum von Analyse und Intervention.

Form der Diagnostik

insgesamt skeptische Haltung zur Diagnostik. Zur Diagnose, ob KlientIn von GT profitieren kann, dient der Verlauf der ersten Stunden.

explizite Diagnostik auf der Verhaltensebene unter Beteiligung der KlientInnen (Selbstbeobachtungsbögen)

Beziehungsdiagnostik im Rahmen eines ausgebauten Systems der Neurosenlehre, projektive Diagnostik (Rohrschach-Test).

Genogramm und Familienskulptur zur Verdeutlichung von Familienbeziehungen, explizite Hypothesenbildung zur Funktion eines Symptoms.

Besonderheiten im Feld der Sozialen Arbeit

In den 70ern in der Sozialarbeit dominierend, attraktives Menschenbild, zählt zu den Basiskompetenzen mit unklarer Verbindung zu anderen Interventionsmöglichkeiten.

Im Rahmen von Trainingsmanualen für schüchterne oder aggressive Kinder, Gewaltprävention, Selbstsicherheitstraining oder für andere Zielgruppen (z.B. an Schizophrenie Erkrankte) verbreitet (oft unter dem Stichwort "Psychoedukation").

In den 20er Jahren in die Sozialfürsorge eingeführt; in den 70ern erneut diskutiert, stärker in der Supervision als in der direkten Anwendung (z.B. in Erziehungsberatungsstellen, Suchtbereich)

Boom seit Ende der 80er - Mitte 90er Jahre, vor allem in Beratungsstellen.

Besonderheit in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

Nondirektive Spieltherapie (Virginia Axline)

Systematische Trainingsprogramme für fast alle kindlichen Problemlagen vorhanden (Franz und Ulrike Petermann)

Seit den 30er Jahren Spieltherapie mit deutenden Interventionen (Anna Freud, Melanie Klein).

Kind bzw. Jugendlicher mit Problemen wird als Indexpatient der Familie gesehen, diese ist Gegenstand der Behandlung

Besonderheiten im Feld der Heil- und Behindertenpädagogik

Bei KlientInnen oft Einschränkungen der Verbalisierungsfähigkeit, Ersatz durch freies Zeichnen und Gestalten mit begleitender Verbalisierung möglich. Sonst eher für den Kontakt mit Angehörigen geeignet und zur Selbstklärung der Helfenden.

Früher oft in Institutionen zur Kontrolle, z.T. mit sehr starken Strafaspekten ge- und missbraucht. Im Rahmen der Verselbständigung und Selbststeuerung sinnvoller.

Als Hintergrundtheorie, weniger als Behandlungspraxis, in Teilen übernommen in einigen heilpädagogischen Ansätzen (z.B. Köhn)

- keine systematische Verbreitung