Rudolf Schmitt: Ein guter Tropfen, maßvoll genossen, und andere Glücksgefühle.
In: Frank Nestmann, Frank Engel: Die Zukunft der Beratung (2002) , S. 231 - 252. DGVT, Tübingen.
Ein guter Tropfen, maßvoll genossen, und andere Glücksgefühle.1
Metaphern des alltäglichen Alkoholgebrauchs und ihre Implikationen für Beratung und Prävention.
Abstract:
Der Aufsatz führt in den Problembereich des alltäglichen Alkoholgebrauchs ein und stellt aus einer laufenden Studie einige gefundene metaphorische Modelle wie davon abzuleitende Praktiken der Kontrolle des Alkoholkonsums vor. Vorläufige Folgerungen für Prävention, Beratung und Forschung schließen sich an.
0. "Die Klienten da abholen, wo sie stehen" und andere Fußmärsche
Beratung findet im Medium der Sprache statt - ein Befund, der so sehr an der "Oberfläche" liegt, dass in der Beratungsdiskussion immer durch diese Oberfläche hindurchgegriffen wird auf "tiefer liegende" Strukturen, Gesetze, Tendenzen, Muster und Einflüsse. Dieser Satz offenbart eine metaphorische Konstruktion, in der die Oberfläche als unwichtiges, die Tiefe als gehaltvolles Moment gewertet wird - ein sprachliches Muster, das der "Aufklärung" (auch eine Metapher) bedarf. Der folgende Aufsatz will eine Reise in einen Dschungel sein, in einen alltäglichen Dschungel der Sprache jenseits oft befahrener begrifflicher Autobahnen und kognitiver Schnellstraßen. Er sammelt ein sprachliches Phänomen, das der Metaphorik, im Gebiet des alltäglichen Alkoholkonsums, sortiert die Fundstücke nach ihrer Logik und deutet einige Gesetze und Formen dieser "Oberfläche" an, denen auch Beratung gehorcht - und die Beratung nutzen kann.
I. Einführung in das Thema: Alltäglicher Alkoholgebrauch
Das Phänomen "alltäglicher Alkoholgebrauch" lässt sich zwischen zwei konträren Beobachtungen einordnen: Die DHS (Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren) geht einerseits davon aus, dass in Deutschland 2,5 Mio. Alkoholkranke leben (Hüllinghorst 1997, S. 123). Hüllinghorst (ebd., S.139) schätzt über 40 000 Tote im Zusammenhang mit Alkoholgebrauch pro Jahr in Deutschland - durchaus erschreckende Zahlen.
Diskussionen über notwendige Prävention des Alkoholmissbrauchs sind andererseits damit konfrontiert, dass in Deutschland gerade 6% der erwachsenen Bevölkerung als abstinent eingeschätzt werden können2. Das missglückte Prohibitionsexperiment in den USA zeigt, dass Abstinenz in westlichen Kulturen offenbar kaum durchzusetzen ist. Rechnet man die Zahlen der Abhängigen und Abstinenten um, bleiben 91% der Bevölkerung, die Alkohol trinken und zumindest derzeit der Trunksucht nicht verfallen sind. Warum jedoch nicht? Warum kann ein Großteil der Bevölkerung mehr oder minder angemessen mit Alkohol umgehen?
Die Diskussion über Alkoholabhängigkeit liefert - stark vereinfacht - unter anderem zwei Argumentationsstränge, die jedoch für das Phänomen eines angemessenen Umgangs mit Alkohol wenig relevant sind:
- Zusammenfassungen älterer wie neuerer Literatur gehen davon aus, dass genetische Differenzen zwar im Hinblick auf Geschmacksempfinden und auf Geschwindigkeit des Alkoholabbaus vorhanden sind, mit diesen jedoch eine Suchtentwicklung bzw. -resistenz nicht schlüssig zu begründen ist - wir haben also keine genetische Begründung, warum 91% der Bevölkerung nicht abhängig werden (zusammenfassend: Kryspin-Exner 1998).
- Eine andere Antwort, den Einfluss spezieller psychosozialer Problemlagen auf Suchtentwicklung betonend, ist gut dokumentiert (zusammenfassend: Kryspin-Exner 1998), jedoch sind die genannten Risikofaktoren (abhängiges Elternteil, instabile Familienverhältnisse, "Griffnähe" bei alkoholnahen Berufen, Kontaktberufe etc.) zwar erleichternde, aber keine zwingenden Ursachen einer Abhängigkeit. Schichtzugehörigkeit ist ebenfalls kein Prädikator, Angehörige unterer Schichten haben nicht immer den höchsten Konsum - je nach Geschlecht und Alter wird in der Oberschicht z.T. deutlich mehr Alkohol getrunken (Junge 1995, S. 23). Soziale Variablen im engeren Sinn erklären daher die Nichtabhängigkeit von 91% der Bevölkerung nur zu einem kleinen Teil.
Die
bisherige fachliche Auseinandersetzung richtet sich auf die
unzweifelhaft problematischen Seiten des Alkoholkonsums aus. Damit
wird jedoch übersehen, welche Fähigkeiten in der
alltäglichen Kultur vorhanden und entwickelt sind, den Umgang
mit Alkohol zu kontrollieren und zu ritualisieren. Vor allem die
große Rolle der Selbsthilfegruppen wie den Anonymen
Alkoholikern und anderen zeigt, dass professionelles Intervenieren
sich viele alltägliche Handlungsspielräume nicht
hat erschließen können. Auch das Phänomen der
Spontanremission ist kaum begriffen (vgl. Wetterling, Veltrup 1997,
S.51f.). So berichtet Veltrup 1995b in einer Studie von 9,2%
Abstinenz nach Entgiftung ohne weitere Behandlung, Sobell 1996
berichtet in einer kanadischen Studie 77% Abstinenz ohne Behandlung -
die heterogenen Zahlenangaben zeigen, dass die Erforschung von
Phänomenen im alltäglichen Lebenszusammenhang erheblich
schwieriger ist als die in klinisch kontrollierten Kontexten.
Jenseits
dieser quantitativen Zugänge sind qualitative Darstellungen der
alltäglichen Funktionen des Alkoholgebrauchs, ebenso die von
Normen, Riten und Gebräuchen, Coping-Strategien und anderer
kognitiver Ressourcen, die es ermöglichen, den Alkoholkonsum im
Rahmen eines Genussmittels zu halten, rar oder älteren Datums.
Franzkowiak, Wenzel 1983 gehen davon aus, dass Jugendliche mit dem
Konsum von Alkohol und Zigaretten z.B. soziale Integration,
Sinngebung, Vermittlung von Wirklichkeitsempfindung, Befreiung aus
der Langeweile des Alltags und Konfliktbewältigung erreichen
(ähnlich: Bundeszentrale 1998, s. 18), Alkoholkonsum also
durchaus eine adoleszenztypische Reifungserfahrung darstellt. Diese
Funktionen des Alkoholkonsums auch für andere Altersstufen
wurden in der quantitativen Forschung als "Trinkmotive"
(Antons, Schulz 1990, S. 87ff) behandelt. Trinkmotive wurden dabei
auf Fragebögen vorgegeben, dabei Motiv, Situation und Handlung
entkoppelt. Was ist mit "Trinkmotiven" gemeint?
Der
Aufsatz stellt eine Teilauswertung aus einem Korpus von 24 Interviews
vor, die in einem Berufsbildungswerk in Chemnitz erhoben wurden
(Breuer 1998)3;
dort wurden Auszubildende und ihre LehrerInnen zum Thema
Alkoholkonsum befragt. Bei den Jugendlichen war im Rahmen des
Praktikums ein zum Teil starker Alkoholkonsum aufgefallen, die
Gefährdung durch Alkohol war jedoch kein Diskussionsthema in der
Einrichtung. Das Ziel dieser und weiterer Forschung ist,
Möglichkeiten und Grenzen sozialarbeiterischer
Interventionsmöglichkeiten der Alkoholprävention
auszuloten, Beratung und Prävention alltagsnah zu
implementieren.
Diese
pragmatisch gedachte Arbeit führte dann schnell zu
grundsätzlichen Überlegungen des Verstehens von
Sinnbezügen, auch dadurch mitbedingt, dass die Interviews
dialektgefärbt (westsächsisch) und Redewendungen nicht
vertraut waren; so sind "Kumpeltod" und "blauer
Würger" zwei Schnapssorten, und "Altenburger
Sterbehilfe" soll eine Biersorte sein (Lange 1995). Es stellte
sich die Frage: Wie wurde Alkohol und Alkoholkonsum in diesem
sozialen Kontext begriffen? Mit unterschiedlichen Methoden haben wir
einen Zugang zu finden versucht, zunächst mit der Methode der
"grounded theory" nach Strauss, Corbin (Breuer 1998), dann
einer an Mayring angelehnten Inhaltsanalyse und zuletzt auch mit
einer Analysemethode, die ich in anderen Kontexten entwickelt habe:
die Metaphernanalyse (Schmitt 1997). Auf knappem Raum verweise ich
für die Methodendiskussion auf die Literatur und gebe die
Definition der Metaphorik durch die Ergebnisse selbst: Was erbringt
also eine Metaphernanalyse von Interviews zum Thema Alkohol?
II. Metaphorische Alltagskonzepte des Alkoholgebrauchs
1.
Über die Stränge schlagen und andere Bewegungen
Eine Metapher liegt nach dem Verständnis von Lakoff und Johnson (1980, 1987, 1998) dann vor, wenn ein Wort / eine Redewendung in einem strengen Sinn in einem umschriebenen Kontext mehr als nur wörtliche Bedeutung hat, dabei Bedeutungen von einem Bereich (Quellbereich) auf einen anderen (Zielbereich) überträgt. Mit dieser Definition zielen Lakoff und Johnson auf alltägliche Redewendungen wie die folgenden:
Das schöne war
halt, dass, dass man lockerer war, gelöster, nicht
verkrampft
es wird... alles ein bisschen lockerer. Nicht so steif, auch wenn mal fremde Leute mit da sind
Als Jugendliche ist man ein bisschen verklemmt, wenn so ein paar Jungs rumgesprungen sind
es ist ja nicht zu leugnen, dass Alkohol... Hemmungen löst
Wir waren damals richtig lustig und losgelöst und haben getanzt
Locker,
steif, verkrampft, losgelöst: Im strengen Sinn finden wir hier
Beschreibungen der körperlichen Erfahrung, die jedoch mehr als
nur wörtliche Bedeutung haben: Sie meinen nicht nur, dass einige
Muskeln steifer oder lockerer sind. Die wörtliche Bedeutung
entstammt einem prägnanten Bedeutungsbereich, dem Körpererleben,
und wird auf einen zweiten und abstrakteren Bedeutungsbereich, den
der sozialen Interaktion, übertragen und damit eine Metapher
gebildet.
Diese Metaphern transferieren die körperliche, muskelrelaxierende Wirkung des Alkohols auf den sozialen Körper. Die Befragten erleben sich im Kontakt mit anderen zunächst als "steif", "verkrampft" und "verklemmt", was sich durch den Konsum von Alkohol dahingehend verändert, "lockerer" zu werden. Dass es sich um Übertragungen, d.h. Metaphern, und nicht die physiologische Wirkung des Alkohols selbst handelt, wird in einigen Interviews deutlich. Sie benennen auch bei geringer Dosis eine ganz unmetaphorische Müdigkeit und Schlafbedürfnis; d.h. die Wirkung des Alkohols kann verschieden von den Subjekten gedeutet bzw. erlebt werden.
Ich
habe mehrere Metaphern zusammen diskutiert: Lassen sich mehrere
Metaphern finden, die den gleichen Quellbereich und den gleichen
Zielbereich haben, so können sie zu einem metaphorischen
Konzept zusammengefasst werden. Das metaphorische Konzept lässt
sich für diese Zitate so formulieren: "Alkoholgenuss
lockert den sozialen Körper". Ein solches Konzept ist eine
vorläufige Formulierung, die erweitert oder eingeschränkt
werden muss, wenn sich andere Sinnzusammenhänge beim Sammeln der
Redewendungen entdecken lassen.
Dass diese Formulierung die Metaphern richtig zusammenfasst, wird dadurch validiert, wenn sich
- davon Handlungskonzepte und reale Handlungen ableiten lassen,
- lokale Varianten der Metaphorik erklären lassen, die den Grundgedanken noch tragen, und
- spiegelbildlich-gegenteilige Zuspitzungen dieser Konzepte in den Texten finden lassen, die ebenfalls den Grundgedanken noch bestätigen,
- im Vergleich mit anderen Metaphernanalysen und weiteren qualitativen Forschungsstrategien ähnliche Strukturen belegen lassen,
- quantitative Forschungen zu Einstellungen, Vorurteilen und Kognitionen integrieren lassen.4
So lässt sich als Gegenteil dieses Konzepts "Alkoholgenuss lockert den sozialen Körper" für Alkoholgebrauchende ableiten, dass Nichttrinken eher mit misslungener sozialer Bewegung oder Stillstand verbunden wird. Auf die Frage, ob einer der Befragten sich vorstellen könne, eine Feier ohne Alkohol zu veranstalten, antwortet er: "Nein, das kommt nicht so gut". Eine Party zu feiern ohne Alkohol - "das geht nicht, das geht schief". Eine andere Interviewpartnerin hält eine Fete ohne Alkohol zwar für möglich, formuliert ihre Einschätzung im gleichen Bild, aber sozusagen als "Durststrecke": "die anderen wären ein bisschen griesgrämig, irgendwie ein bisschen schlecht gelaunt und so. Da müssen sie durch" - als wäre es ein Weg durch Wüste, Urwald oder Berlin-Mitte.
Das Resümee, das viele der Befragten für den Konsum von Alkohol im Alltag ziehen, lautet daher: "es geht nicht"; sie haben ihren "Standpunkt" dazu: Abstinenz5 präsentiert sich als wache Bewegungslosigkeit, die das Bild des durch Alkohol befreiten sozialen Körpers ratifiziert, wenn auch mit umgekehrter Bewertung:
überhaupt keinen
Alkohol, den ganzen Tag nicht. Das geht nicht
Nein
da gibt es einen Standpunkt. Entweder man fährt oder man trinkt
Alkohol. Und da gibt es auch keine Kompromisse. Auch nicht bei
irgendwelchen Promillegrenzen.... Also, ich stehe auf dem
Standpunkt entweder man kann Alkohol trinken oder man kann fahren
Als
eine weitere Bestätigung des metaphorischen Schemas
"Alkoholgenuss lockert den sozialen Körper" findet
sich nun bei expliziten Alkoholgegnern wie -gebrauchern die
zugespitzte Implikation: Zuviel Alkohol stiftet übermäßige
und damit misslungene soziale Bewegungen im Sinne eines "Ausrastens",
das in eine ganz unmetaphorische Prügelei "ausarten"
kann:
in unserer Familie gibt es eigentlich keinen, der so ausrastet
weil doch einer dann ein bisschen was über seine Stränge schlägt
... eben mehr trinkt, und dann ausartet. Wo eben wirklich dann eine Drescherei oder was anfängt
Wir
haben hier also ein Muster, eine aufsteigende Reihenfolge aus
abstinenter Bewegungslosigkeit, leicht alkoholisierter sozialer
Bewegung und betrunkenem "über die Stränge schlagen".
Hier
lässt sich eine erste interpretatorische Schlussfolgerung aus
der Rekonstruktion metaphorischer Konzepte ziehen: In der Lebenswelt
existieren Handlungsregeln im Sinne einer Dreiteilung in zuviel, zu
wenig und mäßiger sozialer Bewegung, die mit
unterschiedlichen Formen des Alkoholkonsums verbunden wird. Mit der
Kombination aus einem nicht übermäßigen Trinken und
einer "mittleren sozialen Bewegung" finden wir also eine
implizite Mäßigkeitsregel, die je nach Kontext (z.B.
Autofahren) modifizierbar ist.
Wir
kennen dieses Muster aus der Metaphorik psychischer Erkrankung: Auch
dort signalisiert zuwenig Bewegung (wie z.B. "zurückgeblieben
sein", "hängen bleiben", "neben der Spur
sein") einen wenig attraktiven psychosozialen Zustand, und auch
dort signalisiert zuviel Bewegung (wie z.B. "durchdrehen",
"ganz hin und weg sein", "außer Rand und Band
sein") in der metaphorischen Logik der Alltagssprache Anzeichen
ungesunder geistiger Verfassung (Schmitt 1995, S.191ff). Die
Alltagssprache vermittelt also als Muster und Metapher psychischen
Wohlergehens einen Kompromiss zwischen zuviel und zuwenig an
psychischer wie sozialer Bewegung. Und in diesem Sinne ist
Alkoholgenuss als Metapher einer mäßigen psychosozialen
Lockerung eher akzeptiert als abstinente Bewegungslosigkeit.
Eine weitere Bestätigung findet sich bei Antons, Schulz (1990, S. 119ff): Sie beschreiben auf dem Hintergrund quantitativer Untersuchungen, dass das Image des Vieltrinkenden mehr soziale Kompetenzen beinhaltet als das des Wenigtrinkenden, dem jedoch mehr Erfolg attribuiert wird.
Zusammenfassend: Das erste
metaphorische Konzept "Alkoholgenuss lockert den sozialen
Körper" deckt mit zwei ergänzenden Konzepten:
"Abstinenz ist Bewegungslosigkeit und Standpunkt" und
"Starker Alkoholgenuss führt zum 'Über die Stränge
schlagen'" den ganzen Bereich des Trinkens ab. Aber wir geraten
in die Gefahr, ein metaphorisches Konzept interpretatorisch zu
überdeuten, wenn wir es nicht mit anderen metaphorischen
Konzepten vergleichen und in seiner Bedeutung vielleicht auch wieder
relativieren.
2. Visuelle Kontrolle, verbales Gewissen
Einer der Interviewten nennt als eine zwar irritierende, seinen bisherigen exzessiven Alkoholkonsum jedoch nicht korrigierende Erfahrung: "wenn ich mit irgendwelchen Mädchen rumgemacht habe, die ich normalerweise im nüchternen Zustand nicht mal angeguckt hätte". Was passiert in dieser Formulierung? Der verwendete Metaphernbegriff verweist darauf, dass es nicht nur um das "Gucken" im einfachen und wörtlichen Sinn, sondern um den komplexeren Vorgang sozialer Wertung sich handelt, und zwar in einer Spannung, die nicht nur bei diesem Sprecher zu finden ist: Während das "Rummachen" mit Mädchen mit der Metaphorik der durch Alkohol gelösten sozialen Bewegung kompatibel ist, wird Abstinenz mit dem kritischen und distanzierten Blick assoziiert - ein so kritischer Blick, dass er diese Mädchen "nicht mal angeguckt hätte".
Natürlich fallen hier geschlechtsspezifische Balken im Auge auf. Wir finden aber auch eine Dissoziation zwischen kinästhetischem Erleben und visueller Wahrnehmung. Diese Trennung von Metaphern der Wahrnehmung von Metaphern des Körpererlebens findet häufig statt. Die Abwertung abhängiger Menschen wird eher visuell geschildert: "das sehen Sie doch hier am Straßenbild", da "sieht man solche Gestalten". Hier verbindet sich der Zustand nüchternen Schauens mit visueller Kontrolle. So beschreibt es auch eine Interviewte, die ihren regelmäßigen Alkoholgebrauch als Distanzierung von der als kontaktgestört und kontrollierend erlebten Umwelt verteidigt:
".. sieht man doch schon in der Straßenbahn... Die gucken alle nur aus dem Fenster oder gucken dich an von oben bis unten"
Die
eigene trinkende Clique dagegen wird von ihr nicht mit visuellen
Metaphern geschildert. - Wieder in der gleichen Metaphorik begründet
eine Lehrerin ihre Abstinenz mit der Ausgesetztheit einer visuellen
Kontrolle:
"weil man immer
irgendwie doch in eine gewisse Vorbildwirkung reingedrängt
war. Wenn man so eine Stellung hatte, dann gucken ja auch die
Leute auf einen".
Immer wiederkehrendes Muster: Visuelle Metaphorik dient der abstinenten Distanzierung, der Kontrolle des Alkoholkonsums.
Ähnliches
zeigt sich im auditiven Sinnesbereich: Normen und Glaubenssätze,
ob nun eigene oder anderen zugeschriebene, werden als akustisches
bzw. verbales Gewissen verfasst: Ein kräftig trinkender
Befragter antwortet auf die Frage, woher er denn wisse, wie eine
Abhängigkeit entstehe, wie folgt:
"So heißt es doch eigentlich immer. In verschiedenen Sendungen hat man das doch schon so im allgemeinen, über Funk und Fernsehen kriegt man das doch so gesagt".
Der Entschluss, deutlich weniger oder nichts (mehr) zu konsumieren, wird als wörtliche Rede imaginiert: "Ich habe gesagt: 'Schluss.' Dann war's das". Die nachdrücklichste Rede, der Schwur, darf hier natürlich nicht fehlen: Nach einer heftigen Betrunkenheit "habe ich mir geschworen: 'Nie wieder'". Auch hier ein wiederkehrendes Muster: Akustische Metaphorik dient der abstinenten Distanzierung.
Wir
haben es hier zunächst mit einer subkulturellen
Bewertungsdiskrepanz zu tun: Das positive Erleben der Alkoholwirkung
wird in kinästhetischen, körperlichen Dimensionen
wahrgenommen, die negativen Auswirkungen auf Biographie und
Beziehungen in distanzierten visuellen und akustischen Metaphern.
Diese erste Einsicht gilt beim Stand meiner Metaphernanalysen
zunächst nur für diese Welt der 24 Befragten; das Über-Ich
oder der "generalized other" (Mead 1934/1980) ist hier
visuell und akustisch verfasst.
Wenn ich so unvorsichtig bin und das vermutete Wiedererkennen dieser Formulierungen durch LeserInnen als Erlaubnis nehme, diese Einsicht zu verallgemeinern und als Teil der kulturellen Erfahrung im Umgang mit Alkohol zu nehmen, dann lässt sich auch eine zweite Einsicht formulieren: Beratungsgespräche finden im Medium des Redens statt und sind oft ein Reden zwischen
- Menschen ohne akademische Ausbildung und mit Problemen
- und solchen mit akademischer Ausbildung und verbaler Überlegenheit.
Solche Gespräche sind daher der leibhaft erlebten Wirkung des Trinkens doppelt ferne. Reden wird als "Reinreden" erlebt, das visuelle Gegenüber als äußeres Abschätzen: Das torpediert das Gespräch mit den meist verbal überlegenen BeraterInnen. Vielleicht erklärt diese Nichtpassung von leibhaftem Erleben der Alkoholwirkung und verbaler Distanzierung die hohen Rückfallquoten; und man könnte spekulieren, wie Körper und Erleben in die Beratung zu holen wären.
Ich
verstehe diese Unterscheidung nicht als Bejahung einer Trennung der
Wahrnehmungsebenen im Sinne der Theorie des NLP: Die Trennung der
Wahrnehmungsebenen in kinästhetisch, olfaktorisch, akustisch
etc. (z.B. Büschges-Abel 1998, S. 177-190) biologisiert die
Wahrnehmung, als ahistorisches Konstrukt ist sie nicht offen dafür,
dass diesen Formen der Wahrnehmung biographisch wie kulturell z.B.
bei Alkohol Inhalte zugewiesen werden. Darüber hinaus lässt
sich an den folgenden, komplexeren Metaphern zeigen, dass sie mehrere
Sinnesebenen gleichermaßen ansprechen, diese Trennung also
nicht immer gerechtfertigt ist.
3. Alkohol als flüssiges Kleinod
Zunächst fielen sie in den Interviews nur als häufige Ungenauigkeit im Umgang mit den tatsächlich getrunkenen Mengen an Alkohol auf: Verniedlichungs- und Verkleinerungsformen ("Bierchen"), denen jedoch im Zusammenhang mit Wertzuweisungen ("ein guter Tropfen") ein metaphorisches Konzept zuzuerkennen war - "Alkohol ist ein flüssiges Kleinod":
dann einmal ein
Gläschen Wein und dann auch als Besonderheit ein
Gläschen Sekt
dass also ein guter Tropfen zählt, aber wenig. Also, nicht, nicht die Masse Alkohol
Man hört ja so von älteren Leuten, abends mal so ein Schnäpschen
dann brauche ich da, wenn ich heim komme ein kleines Bierchen
aber halt so mal so ein kleines Schlückchen geht schon
Diese
Zuschreibung, sich etwas Kleines und Wertvolles bzw. Besonderes zu
gönnen, wird in der noch zu diskutierenden Metaphorik, Alkohol
sei eine Medizin, ebenfalls geteilt; hier lässt sich als Beleg
der Wertzuweisung noch die Scheu anführen, Alkohol
wegzuschütten, die einer der Befragten als Grund für seine
erste Volltrunkenheit angibt:
Weil es da eine Flasche Wein gab. Man lässt den Wein nicht stehen. Ich musste die ganze Flasche trinken, weil die Mädchen keinen Wein trinken wollten
Es findet sich auch bei anderen Interviewten eine Scheu, alkoholische Getränke wegzugießen, vergleichbar dem Tabu in Bauernfamilien, Brot und andere Lebensmittel wegzuwerfen - diesen Zusammenhang kann ich hier nicht weiter ausführen. Ich will stattdessen noch darauf verweisen, dass mit der freien Gabe von Alkohol an andere soziales Prestige verbunden ist:
ich kann's mir einfach nicht vorstellen, wenn z.B. jetzt ein 70ster Geburtstag wäre in der Verwandtschaft, dass es da keinen Alkohol gibt. Dann könnten ja schon die anderen vielleicht denken: 'Mensch können die sich das nicht mehr leisten oder was. Oder was ist denn hier los'
Das Anbieten von Alkohol stellt also auch aus Gründen des sozialen Prestiges eine soziale Aufgabe dar. Wie die Metaphorik des Gebens und Nehmens in der Metaphorik psychosozialer Hilfe (psychosoziale "Versorgung", "Zuwendung geben", Schmitt 1995) eine große Rolle spielt, kann die Handlung, "einen auszugeben", sich auf elementare soziale Interaktionen beziehen, damit ein Ritual des sozialen Gabentauschs sein, wie es Marcel Mauss für archaische Kulturen beschrieben hat (Mauss 1990)6.
4. Exkurs: Alltagswissen über Grenzen des Alkoholkonsums
Drei metaphorische Modelle bebildern bisher Wirkung und Umgang mit Alkohol - weitere fünf Metaphoriken folgen im nächsten Abschnitt7.
Die Fähigkeit, den Alkoholkonsum zu kontrollieren, drückt sich auch in konkreten Ritualen, Handlungen und gelebten Normen aus; diese werden nicht immer metaphorisch formuliert. Diese Handlungen wurden benannt, als eine Metapher vorgegeben wurde und die Antworten darauf untersucht wurden; die Interviewerin nutzte eine Metapher in einer Frage, und erhielt Geschichten, Argumente, Handlungen, Normen. Sie fragte: "Woran merken Sie, dass eine Grenze erreicht ist?" Oder: "Wo würdest Du Deine Grenze setzen, bei der Alkohol zum Suchtmittel wird?" In diesen Formulierungen ist "Grenze" eine Metapher, die konkrete territoriale Grenzen überträgt auf ein komplexes Verhalten, das eine solche klare Abgrenzung per se nicht vorweisen kann. Die "Abgrenzung" erweist sich als metaphorische Konstruktion. Es ist eine sehr oft benutzte, als Metapher fast schon nicht mehr erkennbare Formulierung, wenn wir in diesem Sinn reden. Ähnlich der Formulierung: "Ich muss mich ihm gegenüber abgrenzen" wird hier das territoriale Schema "Grenze" auf eine komplexe soziale Interaktion angewendet. Die Interviewerin konnte also bei der Frageformulierung davon ausgehen, dass diese Metaphorik verstanden wird - das wurde sie auch meistens. Es gab jedoch auch kennzeichnende "Missverständnisse":
I: Wo würdest
du Deine Grenze setzen, bei der Alkohol zum Suchtmittel wird?
B: Also, wenn ich sagen würde: 'du musst aufpassen', oder was?
Was
ist hier passiert? - Der Interviewte hat die Frage richtig
verstanden, denn sinngemäß paraphrasiert er die räumliche
Metapher der Interviewerin richtig. Aber er transponiert sie in eine
akustische Szene, in der er sich selbst sagt: Du musst aufpassen! -
ein weiterer Hinweis auf das schon vorhin genannte akustische, als
Selbstgespräch verfasste Gewissen8.
Da der Interviewte die Frage sinngemäß verstanden hat und
im Folgenden auch seine Maßnahmen zur Kontrolle des
Alkoholkonsums nennt, wurden solche Reformulierungen der Metaphorik
im Sinne der Fragestellung verwendet.
Die
Metaphorik der Grenze wurde von den Interviewten in sehr
verschiedenen konkreten Handlungsregeln "ausbuchstabiert";
diese ließen sich mit Hilfe der strukturierenden Inhaltsanalyse
nach Mayring (1983) in vier Aspekten zusammenfassen:
- zeitliche, räumliche, situative Beschränkungen des Alkoholkonsums,
- konsumbegrenzende Glaubenssätze und Selbstbilder,
- Verhaltensregeln,
- individuelle Erfahrungskriterien aus intimer Kenntnis der Wirkungen des Alkohols.
Diese Typen von Handlungsregeln, die auf die Frage nach metaphorischen Grenzen genannt wurden, werden nun in Ausschnitten dargestellt.
4.1. Zeitliche, räumliche, situative Beschränkungen des Alkoholkonsums
Mit dieser Kategorie wurden pragmatische Begrenzungen des Alkoholkonsums zusammengefasst. Diese Regeln des Alltags sind oft, aber nicht immer, als Wenn-Dann-Regel formuliert. Sie haben in unterschiedlichem Ausmaß einen Doppelcharakter. Einerseits wirken sie begrenzend und stabilisierend, andererseits legitimieren sie einen zum Teil problematisch hohen Alkoholkonsum: Manches durchaus begrenzende Ritual des Trinkens findet einfach zu oft statt. Vier Untergruppen von Ge- und Verboten ließen sich unterscheiden:
a) Alkohol nur in
bestimmten zeitlichen Grenzen
"Wir haben es uns zur Devise gemacht, jetzt schon jahrelang, vor abends um 7 gar keinen Alkohol zu trinken, also kein Bier. Das geht einfach nicht"
b) Kein Alkoholkonsum in bestimmten sozio-räumlichen Kontexten (Arbeitsplatz u.a.)
c) Beschränkung des Konsums auf besondere Gelegenheiten (Gäste, besonderes Essen, Feiertage)
"Wenn ich ein Glas trinke, dann trinke ich ein Gläschen Wein, und eigentlich nur zu Festlichkeiten oder wenn man mal in einer besonderen Situation, wenn man mal weggeht oder zu einem besonderen Essen, also eigentlich immer zu einem besonderen Anlass. Ich trinke eigentlich nie Alkohol, bloß wenn ich so rumsitze oder zu Hause... also wirklich nur wenn Gäste da sind oder wenn ein Feiertag ist, also zu einem besonderen Anlass"
d) Vermeidung des Konsums in besonderen psychischen Situationen (Unwohlsein, Alleinsein)
"Also, ich will mal sagen, wenn mir's mal irgendwie nicht gut geht, da trinke ich überhaupt gar nichts. Da gehe ich in mich, da werde ich ganz ruhig. Aber, ich, also das habe ich noch nie gemacht, dass ich da hier irgendwie Alkohol getrunken hätte"
"Und wenn ich allein bin, trinke ich überhaupt gar nichts. Also, wie manche hier, die auch, wenn sie allein sind oder Single sind oder da nun hier, also allein schmeckt mir Alkohol überhaupt nicht"
Diese Abschnitte zeigen ein Alltagswissen im Umgang mit der Droge, welches in systematischer Form für die sekundäre Prävention durchaus in pädagogischer Form nutzbar gemacht werden könnte - besonders die Vorsicht, in Situationen psychischer Unausgeglichenheit nicht zu trinken. Die Techniken der situativen Einschränkung eines Problemverhaltens sind aus verhaltenstherapeutischen Vorgehensweisen bekannt - oder dort wiederentdeckt worden.
4.2 Konsumbegrenzende Glaubenssätze und Selbstbilder
In diese Kategorie fällt eine sich wiederholende Geschichte mit zwei Variationen des Ausgangs, die sich umgangssprachlich so fassen lässt: Das erste Mal war furchtbar, und a) dabei ist es geblieben, b) seitdem passe ich auf:
I2: Ja, da war
ich vielleicht 12 oder 16, ja 12 werde ich gewesen sein. Da habe ich
das erste Mal probiert, einen Schluck Bier (lacht), vom Vater.
F: Wie hat das geschmeckt?
I2: Furchtbar, das wird mir immer erzählt, ich hätte mich furchtbar geschüttelt. Ich trinke heute noch kein Bier.
Die prägnante und zugespitzte Form der anekdotischen Narration eignet sich zur Beschreibung einer überdauernden Verhaltensdisposition offenbar sehr gut, sie enthält in das Selbstbild eingegangene Erfahrungen und verweist auf wichtige Momente der Identität des Sprechenden9. Allerdings wird ihre problematische Seite dann deutlich, wenn das "erste Mal" ein Alkoholexzess war, der noch heute mit deutlichem Stolz erzählt wird und an den späterer übermäßiger Alkoholkonsum sich bruchlos anschließt. Die Veränderung solcher identitätsstiftender Narrationen scheint mir die Möglichkeiten von in die Breite wirksamer Prävention zu überschreiten und besonderer beraterischer Aufmerksamkeit zu bedürfen. Hier dürften sich gesprächstherapeutische, systemische, kognitiv-verhaltenstherapeutische wie psychoanalytische Ansätze gleichermaßen angesprochen fühlen.
4.3. Verhaltensregeln
Diese Kategorien der Verhaltensregeln unterscheiden sich von der in 4.1 genannten Wenn-Dann-Regel durch den Gestus der absoluten Regel, die hier ohne Begründung und situationsspezifischen Hinweis, dafür mit dem Verweis gegeben werden: Das tut man einfach nicht.
a) Regel: Man macht das nicht, über Tag betrunken zu sein
"Man kann ja nicht den ganzen Tag betrunken sein. Das macht man nicht"
b) Regel: Animiert wird nicht
"Da kann mich niemand überreden. Das kann die schönste Stimmung und die Beste sein. Und ich muss sagen, im Freundeskreis passiert das bei uns auch nicht. Da wird nicht zum Animieren, also nicht animiert zu trinken. Da steht eigentlich dann der Wein oder ein Gläschen Sekt oder auch mal ein Kognak auf dem Tisch. Und wer das möchte, nimmt sich das, aber Animieren und 'Trinke nur noch einen' - das kenne ich eigentlich, das gibt es nicht"
c) Regel: Anlässe nicht zur Ausrede werden lassen
F: Wenn Sie ein schwieriges Problem hatten, haben Sie sich dann gesagt: 'Jetzt brauche ich erst mal einen Schnaps?'
I4: Nein, ich habe es noch nie gemacht. Na also, das war noch nie ein Anlass, noch nie ein Anlass. Das ist ja dann das Zeichen. Drum sage ich, trinken Sie, weil Sie ein kleines Problem haben, dann trinken Sie doch gleich wieder, wenn Sie sich mal freuen. Also, Anlässe gibt es immer, nicht wahr.
Ähnlich den in 4.1. genannten Regeln lässt sich hier überlegen, diese Regeln in der Prävention, z.B. in der sozialpädagogischen Arbeit in einem Jugendclub, vorzustellen und diskutieren zu lassen.
4.4. Individuelle Erfahrungskriterien
Hier fiel es zunächst schwer, eine gemeinsame Überschrift für eine Reihe von Erzählungen und Handlungen zu finden, die alle den Rahmen der bisherigen Beschreibungen von Grenzsetzungen sprengten. Gemeinsam ist ihnen der biographische Charakter, die Entstehung dieser Regeln aus intimer Erfahrung mit großen Mengen der Droge oder einer das übliche Maß übersteigenden Selbstbeobachtung bezüglich des Konsum. Ich nenne drei dieser Erfahrungskriterien:
a) Grenzwissen: Lichter am Horizont
Ich kriege das meistens mit, dass es langt, wenn ich auf entfernte Sicht zwei Lichter sehe, ich ein Auge zu mache und dann nur noch eins sehe. Dann weiß ich, dass es reicht. Aber da bin ich noch nicht zu
b) Grenz-Wissen: Probe, ob eine Woche nichts trinken funktioniert
Meistens kann man das [eine Abhängigkeit, R.S.] selber nicht einschätzen. Man merkt es ja nicht. Aber, wenn man sagt: "Morgen trinke ich nichts." Und man dann trotzdem etwas trinkt. Für mich ist es gut, wenn ich sage, morgen oder übermorgen oder nächste Woche trinke ich nichts. Und da trinke ich auch nichts. Meistens ist es ja auch so
c) Selbstbeobachtung: Das Denken an Alkohol als Signal für Abhängigkeit
Also, ich brauche in der Woche über keinen Alkohol, ich brauche eigentlich, wenn man's so nimmt überhaupt keinen Alkohol. Also, für mich wäre eigentlich wirklich ein Signal, wenn ich jetzt plötzlich zu Hause da sitzen würde und würde jetzt denken: 'Jetzt könntest du eigentlich mal das trinken oder mal das trinken.' Was ich vorher nie gemacht habe. Also, da würde ich dann vielleicht merken, na also, hier stimmt doch irgendwas nicht. Hast du doch früher auch nicht gebraucht oder nie gemacht
Besonders bei den ersten Zitaten scheinen mir Beratung und Prävention im klassischen Sinn überfordert und aufsuchende Sozialarbeit mit Risikogruppen im Sinne gezielter sekundärer Prävention notwendig zu sein.
Überblicken
wir diese vier Formen von Narrationen, Regeln und Ritualen der
Beschränkung des Alkoholkonsums, werden einige davon banal
erscheinen: Die Regel, dass man über Tag nicht trinkt, dürfte
lebensweltlich vertraut sein. Wenn man sich jedoch die Sozialisation
einiger Jugendlichen in einem Berufsbildungswerk anschaut, die zum
Teil aufgrund ihrer Zeugnisse und ihres Auftretens nicht attraktiv
für Lehrstellen waren oder eine erste oder schon eine zweite
Lehre abgebrochen hatten, dann lässt sich ein Umfeld vorstellen,
in dem diese Regeln nicht gelebt wurden. In abstinenzorientierten
Beratungen wird dieses Wissen kaum vermittelt, in der Prävention
auch nicht, es beruht im wesentlichen auf Selbsterfahrungen und
Wissen der peer group. Es ist nicht das Wissen einer therapeutischen
Schule, sondern einer Alltagskultur, die einzelne Menschen im Umgang
mit sich selbst entwickeln.
In welcher Form diese Rekonstruktion des Alltagswissens nützlich ist, will ich am Schluss für Beratung und sekundäre Prävention ausführen; nach diesem Exkurs möchte ich die bisher gesicherten weiteren metaphorischen Muster des alltäglichen Trinkens darstellen.
5. Gehobene Stimmung und Abstürze: Die Metaphorik der Höhen und Tiefen
Wie die vom Alkohol induzierte soziale Bewegung ist die Metaphorik von "Höhe" und "Tiefe" in körperlichen Bildern gedacht, die der bekannten physiologischen Wirkung des Alkohols auf den Körper entgegengesetzt ist. Wir kennen aus dem Alltag, anderen Metaphernanalysen (u.a. Lakoff, Johnson 1980, Kronberger 1999) und auch aus diesen Interviews das Bild, dass Probleme als Gewicht dargestellt werden, die einen Menschen "bedrücken": Dass einer der Befragten keine Arbeit hatte, habe ihn "ganz schön belastet", oder, ganz allgemein als Bild des Lebens: "Jeder hat sein Päckel zu tragen". Folgerichtig entwickelt sich hier das metaphorische Konzept "Betrunkensein macht Schweres leichter":
diverse Probleme...
werden nicht mehr so gewichtig
man kommt mit Leuten leichter ins Gespräch
Es war einfach unbeschwerter
Die
Erfahrung von Gewicht spielt sich auf der physikalischen Dimension
von Höhe und Tiefe ab; in dieser Metaphorik wird die Erfahrung
der Alkoholisierung dementsprechend mit Größe bzw. Höhe
verbunden:
Man fühlt sich
großartig
das hebt die Stimmung, das hebt die Gemütlichkeit
nach zwei oder drei Gläsern... war man richtig schön gut drauf
dass ich überschwenglich werde
Im
Sinne der Bronfenbrennerschen Unterscheidung können wir hier von
einer kulturellen Makro-Ebene sprechen, denn unangenehme Stimmungen,
besonders an dem auf eine Betrunkenheit folgenden Tag, werden auch
sonst als metaphorische Tiefe kodiert: "am Boden sein", "in
ein Loch fallen". In diesem Bild ist oft enthalten, dass man
durch Gewichte nach unten gedrückt wird, also "belastet"
oder "überlastet" ist, "viel im Nacken" hat.
Dagegen werden positiv erlebte Stimmungen als räumliche Höhe
beschrieben: "im siebten Himmel sein", "abheben",
"high" sein, "obenauf" sein. Diesem
metaphorischen Muster entspricht ein Konzept des professionellen wie
nichtprofessionellen Helfens: HelferInnen holen die Betroffenen aus
der Tiefe heraus oder bewahren sie vor dem "Absturz" durch
"stützen", "unterstützen",
"aufrichten", "aufbauen" etc. - und stehen damit
in kultureller Konkurrenz zu den ebenfalls "erleichternden"
und "erhebenden" Wirkungen des Alkohols.
Die Metaphernanalyse ist jedoch auch in der Lage, eine kulturelle Meso-Ebene zu rekonstruieren; milieuspezifische Metaphern finden sich in einer Ausdifferenzierung dieser kulturell üblichen Metaphorik in folgender Passage, in der die Interviewerin, obschon sie den gleichen Dialekt spricht, zunächst nicht versteht. Sie fragt, wieviel der Befragte trinkt, und dieser antwortet:
B: Na ja, bis man halt
sein OD erreicht hat.
Interviewerin: OD??? -
B: Oberer Totpunkt
Interviewerin: Was ist OD?
B: Bis es nicht mehr geht
Im
Interview selbst fallen viele Hinweise auf die Zugehörigkeit zu
einer Motorradclique; es gehört zum Selbstbild der "Biker",
selbst zu reparieren; und natürlich wissen diejenigen, die
bereits ihr Mofa gesetzeswidrig beschleunigt haben, dass der "obere
Totpunkt" eine technische Bezeichnung für den Stand der
Kurbelwelle ist, bei dem das Pleuel oben ist und die Explosion des
Benzin-Luft-Gemischs den Kolben nach unten treibt, im Gegensatz zum
"unteren Totpunkt", der ohne Antrieb durch den
Kolben nur durch den Schwung der Kurbelwelle überwunden werden
kann. - Solche milieuspezifischen Bilder stellen eine Meso-Ebene der
sprachlichen Kultur dar, und primäre Prävention, welche
diesen Deutungshorizont ihrer Subjekte verfehlt, wird kaum angenommen
werden können.
Jenseits von Makro- und Meso-Ebenen: Die bisherige Entfaltung der Metaphorik von Höhe und Tiefe betont nur die "gehobenen" Stimmungen. Die Metaphorik ist jedoch polar angelegt: Nach jedem oberen Totpunkt und jeder Höhe ist in dieser Metaphorik das zyklische Wiederkehren einer Tiefe mitgedacht, die als "Abstürzen" und "Versumpfen" erlebt wird, es also erlaubt, negative Fernwirkungen des Alkohols zu antizipieren.
6. Wer voll ist, ist auch zu. Die Person als Behälter
Eine andere, verdinglichende Metaphorik nutzt die einfache Struktur des menschlichen Körpers, ein von Haut umgebener Behälter zu sein, als Quelle für die Bebilderung sozialer Interaktion. Wir kennen dies aus vielen alltäglichen Formulierungen: sich jemandem "öffnen" und sich "verschließen", sich "zu" oder "dicht" machen, "aus sich heraus" kommen und "in sich" gehen. Psychische Erkrankungen werden in der Alltagssprache als Verlust der Fähigkeit zum Öffnen und Schließen verstanden; jemand ist entweder "nicht ganz dicht", hat "einen Sprung in der Schüssel" oder hat sich "abgekapselt". Diese Metaphorik, in der die Person und ihre Interaktion mit der Umwelt als Leeren wie Füllen eines Behälters gedacht wird, findet sich in zwei Schwerpunkten in der Beschreibung alkoholisierten Selbsterlebens. Alkohol öffnet für einige die Grenzen des sozialen Behälter-Körpers: Man sei "den Leuten gegenüber ein bisschen offener" und "geht man mehr aus sich raus".
Diese Behälter-Metaphorik beschreibt den Bezug einer Person zu ihren Sorgen noch in einem ähnlichen metaphorischen Konzept: Die Person ist ein "volltrunkener" Behälter, in dem Probleme ersäuft werden:
dass ich mir den Ärger
runterspülen musste
Also, Sorgen im Alkohol ersäufen, lehne ich ab
wenn ich mich jetzt da hin setze und... so einen Schnaps hineinschütte, davon wird's ja nicht anders
In den Interviews wurde nicht weiter nach Stimmungen im nüchternen Zustand gefragt; die Forschungsfrage taucht auf, ob Stimmungen der "Leere" beschrieben werden, wenn der Konsum von Alkohol nicht möglich ist, sich also dieses Bild in spiegelbildlicher Bedeutung rekonstruieren und damit validieren lässt. So bringt ganz unironisch eine Befragte ihr reales Trinken, ihren Liebeskummer und die Vorstellung vom Glück als volles Gefäß zusammen:
dass du da immer
trinkst oder was. Nur wegen so einem Idiot, ... das kann doch nicht
die Erfüllung sein
Das
Ende eines Gelages wird schließlich im gleichen Bild des
Behälters gedacht und starke Betrunkenheit als Verschlossenheit
desselben formuliert:
... wenn man total
zu ist
da habe ich mir immer die Rübe zugeschüttet
Was
als implizite metaphorische Logik für psychische Krisen galt -
Wer zu offen ist, kann nicht ganz dicht sein! (Schmitt 1996b) - muss
für Alkohol umformuliert werden: Wer offen ist, ist noch nicht
ganz voll; wer zu ist, ist auch voll.
7. Nahrungsmittel und Medikamente als Metaphern für Alkohol
Der radikale Metaphernbegriff von Lakoff und Johnson zieht nach sich, weniger in besonders beeindruckend geformten Sprachbildern als in den alltäglichsten Formulierungen nach zusammenhängenden metaphorischen Konzepten zu suchen. Das Trinken alkoholischer Getränke lässt sich auch in Bildern nichtalkoholischen Trinkens und des Essens erfassen, und so kann auch hier eine Übertragung, d.h. eine Metapher, rekonstruiert werden. Zunächst finden sich viele Formulierungen, die Alkohol in die Nähe von Küche, Gewürz und Nahrungsmittel rücken:
wir gehen
überhaupt in der Familie sehr sparsam mit Alkohol um
wie ich gerade so Appetit habe (auf Alkohol)
dass mir das zweite Glas nicht gut bekommt
B: Das ist fast so, als wenn ein anderer die Limonade trinkt oder so - I: Es ist einfach nur ein Getränk? - B: Ja ja, so wie andere Brot essen
In dieser letzten Redewendung, welche das in den Interviews nicht verwendete Bild vom Bier als "flüssiges Brot" ausbuchstabiert, haben wir es mit einer Metaphorik zu tun, die regelmäßigen und erheblichen Konsum nahelegt, also ein Konzept darstellt, dass eine Begrenzung des Konsums erst sehr spät im Sinne des "Sich-satt-Trinkens" bereitstellt. Diese Metaphorik fällt deswegen auf, weil ihr Gegenteil, "nüchtern" zu sein oder zu bleiben, ein Leitbild des Nichttrinkens darstellt. In der Logik der Metaphorik bedeutet dies jedoch für einen Abhängigen, ein Leben lang nicht mehr satt werden zu dürfen: eine fatale metaphorische Logik, welche die Unattraktivität der Abstinenz verdeutlicht. Ich werde später zeigen, dass auch weitere Metaphern der Abstinenz keine attraktiven Zustände verheißen.
Eine konzentriertere Wirkung als die eines Nahrungsmittels wird Alkohol in den folgenden Wendungen zugesprochen, die den Alkohol in die Nähe eines Medikaments rücken:
von der Tagesform
abhängig, wie Alkohol auf jemanden wirkt
dass man früh schon zwei drei Bier trinken muss, damit man ruhig wird
Gerade nach dem Mittagessen da muss immer ein Kräuter, ein Magenschnaps her. Zur Verdauung
Die Ärzte sagen hier, man soll sogar jeden Tag ein Glas Rotwein trinken, ganz trockenen Rotwein. Das ist gut fürs Blut und alles
"Das ist gut fürs Blut und alles": Hier wird der oralen Zufuhr des flüssigen Kleinods (siehe oben) eine fast magische Qualität zugesprochen - auch darauf wird in weiteren Analysen zu achten sein. Diese Metaphorik weist wieder einen Doppelcharakter auf, indem sie den regelmäßigen, zielgerichteten und mit höheren Werten gerechtfertigten Konsum nahelegt, jedoch eine ritualisierte und damit begrenzte Form analog der Medikamenteneinnahme bereitstellt. Aber dieser Vergleich verdeutlicht das Risiko dieser Konzeptionalisierung.
8. Flüsse, ein guter Ton, Naturkatastrophen und andere imaginäre Ganzheiten
Die Metaphernanalyse sieht sich vor Problemen, metaphorische Konzepte zu rekonstruieren, wenn die zugrundeliegenden Formulierungen undeutliche Bilder beinhalten. So finden sich für Grenzen des Alkoholkonsums viele Redewendungen, deren Gemeinsamkeit offensichtlich und deren Bildlichkeit doch nur über die Annahme einer imaginären Gestalt des vernünftigen und begrenzten Alkoholkonsums zu beschreiben ist, von der aus das Angemessene zu beurteilen ist:
Ich meine eine Flasche
Bier, zwei Flaschen Bier abends, das langt
dann sind schon manchmal zwei Flaschen Bier zu viel
wenn man merkt, dass es langsam reicht
so lang das in einem gewissen Rahmen bleibt, ist das alles ok
wobei Alkohol in Massen, es tut ja nicht weh, wenn man, nicht wahr. Wenn man in Massen trinkt, das verändert noch nichts
das gehört einfach dazu
man hofft ja auch, dass jeder seine Grenzen kennt
Immerhin lassen sich zwei metaphorische Konzepte benennen, die solche abstrakten "Rahmen", "Grenzen" und "Maße" genauer fassen. Da ist zunächst das metaphorische Konzept: "Vernünftiger Alkoholgenuss ist ein Gewässer / Fluss", wenn also getrunken werden kann, "ohne dass es ausufert". Wir haben hier eine dichotome Metaphorik vor uns: Während das "Ausufern" auf die Gefahr des Ertrinkens in der Grenzenlosigkeit verweist, konstruiert das Gegenteil dieses Bildes die Abstinenz als "Trockenheit": "Das wird dann ziemlich trocken", bemerkt unlustig ein Interviewteilnehmer, als er auf die Möglichkeit einer alkoholfreien Feier angesprochen wird. Nicht nur die Fernsehwerbung beschreibt die Mitte zwischen den Polen "Ertrinken / Verdursten" in der Verbindung der Adjektive "feucht" und "fröhlich". Unglücklicherweise metaphorisiert "Trockenheit" ein weit verbreitetes Leitbild der Abstinenz, dessen mitschwingende Konnotationen das bereits erwähnte soziale Image vom Nichttrinkenden als sozial beschränkt kompetenten Menschen (Antons, Schulze s.o.) bestätigen.
Darüber hinaus stellt das Konzept: "Vernünftiger Alkoholgenuss ist ein guter Klang" ein weiteres, sensorisch begründbares Sprachbild her, das die Formulierung von Grenzen erlaubt: Die Partner eines Interviewten würden eine Alkoholabhängigkeit daran merken, dass "da irgend etwas nicht stimmt", während der sonstige Alkoholgenuss "irgendwie so zum guten Ton gehört, wenn Besuch kommt, da muss eben irgendwas hingestellt werden".
Die weiteren Analysen werden zeigen, ob sich weitere und kräftige Bilder im Zentrum dieser imaginären Ganzheit eines vernünftigen Alkoholgebrauchs finden lassen.
Jenseits
dieser mehr oder minder abstrakten Metaphern mit ihren für die
Befragten "natürlich" erscheinenden Bewertungsoptionen
stellt sich eine Alkoholabhängigkeit als ferne Naturkatastrophe
bzw. schreckliche Krankheit dar:
es gibt viele Leute,
die trinken viel und sind trotzdem keine Alkoholiker. Aber wer das,
also, wem das eben erwischt, das ist grausam, würde
ich sagen. Es ist wirklich grausam (3)
das ist wahrscheinlich genauso, als wie, wenn jemand Kokain nimmt oder so irgend so was, vielleicht sogar noch furchtbarer (3)
wenn ich laufend Kognak trinken würde oder, na das würde ich wahrscheinlich nicht überleben (3)
Die Alkoholabhängigkeit findet also nicht in dem "Rahmen" statt, den die Interviewten für ihren alltäglichen Umgang mit Alkohol beanspruchen. Im Ernstfall können dann nur Engel oder ähnlich qualifizierte Wesen helfen - so soll ein Erkrankter "sich jemanden anvertrauen, die wirklich was davon verstehen, denn ich muss sagen, man kann solchen Leuten als Normalsterblicher nicht helfen". Alkoholismus ist in dieser Formulierung das ganz Andere jenseits dieser Welt.
9. Bausteine einer Theorie des Vergessens, oder: Der Abschied vom Selbst
Der Zusammenhang von Alkohol und verminderter Selbstkontrolle ist oben schon im Umgang mit dem anderen Geschlecht genannt worden, ein weiteres Zitat spitzt dies zu:
Man kann ja auch aufwecken und neben sich erschrecken (lacht). Das geht ja auch, wenn man sich mit Mädchen einlässt, die dann doch nicht das Beste für einem sind. Das bringt es dann doch nicht so ganz
Buchholz und von Kleist 1997 haben für die Metaphorik des Sich-Einlassens im Rahmen der Untersuchung therapeutischer Gespräche darauf hingewiesen, dass dabei eine Auflösung des Körperschemas imaginiert wird, die infantilen, regressiven Impulsen Raum gibt. Der Verlust der Erwachsenen-Hülle und das Hervortreten des "Kindes im Manne" lässt sich in einem weiteren ausführlichen Zitat finden:
I: Wie fühlst
du dich dann (nach dem Aufwachen, R. S.), wenn du nichts mehr
weißt?
B: Beschissen... ob man irgendwelchen Blödsinn gemacht hat, oder ob man sich lächerlich gemacht hat... trotzdem ist es nicht gut, wenn man sich nicht unter Kontrolle hat ... Was werde ich denn heute wieder angestellt haben oder gestern
Hier lässt sich das metaphorische Konzept formulieren: "Trunkenheit ist Kindheit". Sachen angestellt haben, sich nicht unter Kontrolle haben, vielleicht auch unmetaphorisch "beschissen" sein und, wie es viele Zitate nahelegen, Lust, sind Kennzeichen dieses Zustands, in dem man "kindisch" wird:
Kann über allen
möglichen Mist lachen
Man redet viel, manchmal auch viel Unsinn (lacht)
dass ich unheimlich lachen musste, ich konnte mich gar nicht wieder einfangen
Und darum auch so ein bisschen locker, man kindischt ein bisschen mehr rum
Neben der erotischen und der kindlichen Regression ist mit dem Genuss von Alkohol noch ein anderer Anspruch verbunden, eine Transzendierung des Alltags: Ohne Alkohol, so führt ein Interviewter diese metaphorischen Wendungen in praktischen Vergleichen aus,
"braucht man aber irgendwie was anderes, einen anderen Kick. Das ist genauso, wie wenn man zum Konzert mit dem Auto fährt und nicht trinken kann, da ist die Musik die Droge. Man braucht da ein Spiel oder irgend etwas Vergleichbares"
Der Reglementiertheit des Alltags entflieht das Trinken mit Kumpels in "ein allgemeines Chaos, lustige Ereignisse". Das Planen des Alkoholgenusses scheint nicht möglich: "nicht geplant, dass ich da trinke. Das waren, so, hat sich dann ergeben oder so"; das Planen des Leben des eigenen Lebens ebensowenig: "das ist nicht gut, wenn man schon vorher plant. Weil, irgend etwas geht immer schief". Die Einstellung, dass der Alkoholgenuss und das Leben nicht planbar sind, hat hier eine utopisch-lustvolle wie eine demoralisiert-fremdbestimmte Seite.
Es fällt schwer, für diese Aussagen ein metaphorisches Konzept zu formulieren, weil der angesprochene Zielbereich zunächst schwer zu fassen ist. Mit dem Rückgriff auf ein Zitat von Adorno und Horkheimer will ich den Zielbereich als "Selbst" formulieren:
"Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt. Die Anstrengung, das Ich zusammenzuhalten, haftet dem Ich auf allen Stufen an, und stets war die Lockung, es zu verlieren, mit der blinden Entschlossenheit zu seiner Erhaltung gepaart. Der narkotische Rausch, der für die Euphorie, in der das Selbst suspendiert ist, mit todähnlichem Schlaf büßen lässt, ist eine der ältesten gesellschaftlichen Veranstaltungen, die zwischen Selbsterhaltung und -vernichtung vermitteln, ein Versuch des Selbst, sich selber zu überleben." (Adorno, Horkheimer 1944/1982, S. 33).
Nehme ich ein so begriffenes "Selbst" als Zielbereich, dann lässt sich mit dem Blick auf die Quellbereiche erotische und kindliche Entgrenzung sowie die Auflösung von Planung und Reglementierung als metaphorisches Konzept (vorläufig) formulieren: Alkoholgenuss löst das planende, erwachsene Selbst in Kindheit, Lust und Vergessen auf.
Die Metaphernanalyse vertieft damit eine banale Alltagsweisheit, deren fatale Tiefenwirksamkeit in dem Moment offenbar wird, wenn man innerhalb dieser Logik nach einem therapeutisch wirksamen Ersatz für diese Wirkungen des Alkohols sucht. Nimmt man das Bedürfnis nach Transzendierung des Selbst, nach einem zumindest zeitweiligen Abschied vom rationalen Korsett wie von ängstlichen Hemmungen ernst, dann scheinen zumindest in der befragten Subkultur andere Rituale der Entgrenzung zu fehlen. Csordas (1990) verweist in anderem Kontext auf magische Praktiken der Ekstase in Sekten oder religiösen Gruppen; vielleicht ist hinter den Formulierungen der alkoholtrinkenden Jugendlichen ein kulturelles Problem verborgen, für das Beratung keine Hilfen bietet. Festzuhalten bleibt allerdings, dass es in solchen Textstellen zur Selbstentgrenzung oft um das andere Geschlecht geht; sozialpädagogische Interventionen könnten auch Rituale des Kontakts für verbal grobe und/oder schüchterne Jungen und Mädchen vermitteln.
-
Adorno und Horkheimer sprechen in obigem Zitat jedoch auch von den
"Anstrengungen, das Ich zusammenzuhalten", also davon,
regressiven Impulsen nicht nachzugeben. Diese Anstrengung wider die
auflösende Verlockung findet sich in einer weiteren Metapher des
Nichttrinkens wieder: der "Enthaltsamkeit". Hier wird die
alkoholische wie sexuelle Selbstauflösung gleichermaßen
verneint. Ebenso ist die "Entwöhnung" eines
Alkoholkranken eher ein Bild der Vertreibung aus einem frühen
Paradies des Verschmolzenseins als eine bejahenswerte Ikone eines
Lebens ohne Alkohol. Abstinenz bietet so ein erwachsenes, trost- und
freudloses Bild.
10. Von inneren Schweinehunden und anderen Männern. Erster Versuch einer geschlechtsspezifischen Metaphorik
Eine Kampf-Metaphorik fällt in der bisherigen Untersuchung vor allem bei zwei Männern auf: Es geht um den Kampf mit und gegen sich, um die Versuchung, mehr Alkohol zu trinken, und um den inneren Doppelgänger alias "Schweinehund", den es zu kontrollieren gilt:
trotzdem ist es nicht
gut, wenn man sich nicht unter Kontrolle hat
Aber das ist alles noch im Zaum, alles noch im Griff, nicht wahr
der Vorsatz beim nächsten Mal nicht so viel zu trinken, das kann ich einhalten.... Willensstärke braucht man. Man muss den inneren Schweinehund besiegen.
Die Mehrdeutigkeit der Kampf-Metaphorik wird jedoch deutlich, wenn auch das Konsumieren und "Vertragen" von Alkohol männlich kodiert ist: "Da steht man schon den nächsten Tag noch seinen Mann", wenn man nicht zuviel getrunken hat. Die Selbstdefinition über Leistung, die dem Alkoholgenuss jedoch entgegensteht, führt bei dem Befragten zur Einführung fester Regeln, z.B. vor 19 Uhr abends kein Bier zu trinken, sonst "bringt [mann] ja gar keine Leistung". Die imaginären Gegner aber jedoch wechseln: Sind Probleme die phantasierten Gegner, dann ist ein Besäufnis eine Kampfpause:
"man hat erst mal wie eine Auszeit genommen. Man kann dann die Sache wieder mit einem größeren Elan bekämpfen".
Die Kampf-Metaphorik ist mit der durch Alkohol verminderten Selbstkontrolle eng verbunden, verbale und nonverbale Raufereien werden erwähnt. Als die Interviewerin an einer solchen Stelle weiter nachfragt, gestaltet diese Metaphorik das Interview, das Nachfragen wird als Angriff empfunden und abgewehrt: "Oder wollen Sie aus mir einen Radaubruder machen, nein ganz und gar nicht".
Eine weitere, von beiden Männern gebrauchte Metapher benennt den Menschen (Mann) als Maschine: "manchmal läuft's ja auch nicht so rund", und Alkohol ist dann der Abstellknopf: "Man kann erst mal einen Moment abschalten... Es ist dann halt bloß das Problem, wenn du andauernd abschalten willst, das läuft dann schief".
Gibt
es eine spezifisch weibliche Metaphorik des Umgangs mit Alkohol?
Zunächst ist festzuhalten, dass die Kampf-Metaphorik auch von
Frauen genutzt wird ("ich kann da ja immer kontern",
"sich dagegen zu wehren"), jedoch eher als
Metaphorik der Verteidigung gegenüber dem Ansinnen,
mitzutrinken. Die oben genannten Verkleinerungsformen sind jedenfalls
nicht frauentypisch ("Bierchen"); das metaphorische Konzept
"Alkohol ist Medizin" wird in den allgemeineren
Formulierungen "wirken" bzw. in kausalen und finalen
Konjunktionen ("damit", "um zu" etc.) von beiden
Geschlechtern getragen, die spezifischen Formulierungen jedoch von
einer Frau genutzt (s.o.). Von einer weiteren befragten Frau wird
geäußert, wie abstoßend sie die potentielle
Enthemmung einer Frau durch Alkoholgenuss empfindet: "... bei
Frauen noch besonders furchtbarer. Wenn sie da so losgelöst
sind. Ich weiß nicht, das ist, ich weiß nicht, wenn
Frauen da so hemmungslos sind, das mag ich gleich gar nicht". -
Zum jetzigen Zeitpunkt muss die Frage nach einer für Frauen
typischen Metaphorik des Umgangs mit Alkohol offen bleiben (vgl.
Vogt, Winkler 1996). Eindeutiger ist der Beitrag der Metaphernanalyse
zur Männlichkeit des Alkoholkonsums.
III. Konsequenzen aus einer Metaphorik des Trinkens
3.1.
Konsequenzen für Beratung und Therapie
Welche Konsequenzen hat es nun, mit Metaphernanalysen einige metaphorische Muster des alltäglichen Alkoholkonsums eruiert zu haben? Bei noch unabgeschlossener Forschung lassen sich fünf Ebenen im Umgang mit Metaphern in Beratung und Therapie in der Literatur finden bzw. bieten sich an:
a)
Unsere KlientInnen und wir reden schon immer in Bildern - und in
stockenden und beiderseits frustrierenden Beratungsprozessen
blockieren eventuell unterschiedliche Metaphern, die nicht
miteinander kompatibel sind, die Verständigung. Wir sind immer
wieder in der Versuchung, auf manche der Metaphern der KlientInnen
(das abendliche "Bierchen" etc.) spontan kritisch zu
reagieren, indem wir diese als Widerstand, z.B. in diesem Fall als
Verharmlosung deuten. Metaphernanalyse kann dann zur Supervision
werden, indem sie uns hilft, den Anspruch unserer eigenen Sprache und
Worte zu relativieren: In welchen Bildern bewegen wir uns, wenn wir
von "Widerstand" reden? (Buchholz, von Kleist 1995).
b)
Das Aufgreifen der Sprache der KlientInnen ist in dieser Hinsicht
noch einmal bedeutsam geworden, da wir es uns damit ermöglichen,
deren Welt aus dem Innern ihrer damit ausgedrückten Selbst- und
Weltsicht zu verstehen und Handlungsweisen zu entwickeln, die deren
Sicht der Welt nicht überfordert. Metaphernanalytische
Aufklärung erlaubt es, in der Formulierung, "ein Bierchen"
zu trinken, mehr zu sehen als nur Widerstand gegen rationale Einsicht
und gemeinsam auszuloten, welche Bedeutungshorizonte im individuellen
Fall damit noch verbunden sind. Auf der Mikro-Ebene des
Beratungshandelns heißt das:
- diese Formulierungen wertzuschätzen,
- nachzuspüren, was damit an Bedeutung verbunden wird,
- zuzuspitzen und zu dekonstruieren: die Schattenseiten der Metaphoriken herausarbeiten,
- praktische Konsequenzen entwickeln, z.B. unter welchen Regeln man sich mit einem "Bierchen" (das Kleinod!) etwas Gutes tun kann, welche wichtigen Dinge es noch gibt, sich etwas Gutes zu tun.
c)
Wenn BeraterInnen / TherapeutInnen zur Vertiefung von emotionalen
Erfahrungen und kognitiven Einsichten zielgerichtet Metaphern
gebrauchen wollen, die von denen der KlientInnen abweichen, dann sind
die pragmatischen Beschränkungen nützlich, die Bock (1981,
S.277ff) vorschlägt:
- BeraterInnen sollten ein ausreichendes Repertoire möglicher Bilder haben und
- sollten eine Passung zwischen Problemerleben der KlientInnen und Metapher suchen.
- Einfach strukturierte Sprachbilder mit mittlerem Anregungsniveau sind vorzuziehen.
- BeraterInnen sollten die Provokation von aktiven bzw. passiven Handlungsentwürfen vorher reflektieren und
- respektieren, dass KlientInnen vorgegebene Bilder in eigener Weise interpretieren.
- Sie sollten Metaphern erst dann einsetzen, wenn sie eine ausreichende Kenntnis des Problems erlangt haben.
d)
Die Ziele von Beratung bedürfen der metaphernanalytischen
Supervision. Im Bereich der Arbeit mit abhängigen Menschen fällt
auf,
- dass "Nüchternheit" auf dem Hintergrund einer Metaphorik des "Sich-satt-Trinkens" eine quälende Vorstellung ist,
- dass "Enthaltsamkeit" und "Entwöhnung" auf der Folie einer Metaphorik von sexueller und kindlicher Ich-Entgrenzung trost- und freudlose Zustände implizieren,
- dass sich Abstinenz als "Trockenheit" vor dem Gegenbild "feucht-fröhlicher" Zustände als unattraktive, Einsamkeit antizipierende Konstruktion erweist.
Es fehlen positiv besetzbare Metaphern der Abstinenz in dieser Stichprobe; sie müssen daher in der präventiven wie beraterisch-individuellen Tätigkeit ge- und erfunden werden. - Für andere Bereiche psychosozialer Arbeit, z.B. der sozialpädagogischen Einzelfallhilfe, sind besser zu akzeptierende Zielbilder durchaus vorhanden (Schmitt 1995).
e)
Die Sammlung zeigt, dass Metaphern immer wieder auf einfache
körperliche Erfahrungen verweisen - Beratung ist jedoch eine
körperferne Veranstaltung. Wie bringen wir das körperliche
Erleben in Beratung, Prävention und Therapie des Alkoholge- und
missbrauchs? Auf der Ebene der Therapieschulen, die sich mit Sucht
befassen, und in der akademischen Suchtforschung finden sich keine
Thematisierungen des Körpers; in der Diskussion der Theorien der
Abhängigkeit fehlen ebenso Hinweise zur Wichtigkeit
leibbezogenen Erlebens. Die Körperlichkeit der Suchtkranken wird
eher von PraktikerInnen in unterschiedlichen und unsystematischen
Formen aufgenommen: vom Joggen über "Krafträume"
in Rehabilitationszentren bis zum Autogenen Training. Darüber
hinaus ist die Thematisierung des Körpers in verworrenen Formen
in der Esoterik zu finden, deren vernünftiger Gehalt schwer zu
entschlüsseln ist. Hier ist für Beratung, Therapie und
Prävention noch Neues zu entdecken.
3.2. Konsequenzen für die Forschung zum Alkoholgebrauch:
Zunächst wird deutlich, dass das Wissen über das Alltagswissen im Umgang mit Alkohol einige Perspektiven eröffnet, die anschließende Forschungen lohnend erscheinen lassen. Neben den Konsequenzen für den beratenden Umgang lassen sich vielleicht auch Strategien für die sekundäre Prävention der Risiko-TrinkerInnen entwickeln, diesen bestimmte Regeln des Konsums zu vermitteln. Skeptisch sehe ich die Übertragung z. B. der Regeln für Grenzen des Konsums für Menschen mit manifesten Abhängigkeiten.
Die mangelnde Beachtung dieser metaphorischen Bedeutungszusammenhänge verweist auf das fehlende Kenntnis problemspezifischer kultureller Konzepte von Krankheit und Gesundheit - entsprechende Forschungsansätze (u.a. Flick 1991) scheinen in Forschung, Beratung und Therapie noch keinen entsprechenden Stellenwert gefunden zu haben. Das gleiche gilt für milieuspezifische wie subjektive Konzepte des Alkoholgebrauchs10. Hier wird es darauf ankommen, die problemspezifische Ausbildung gegenüber einer schulenspezifischen Beratungskompetenz zu stärken - gerade der Suchtbereich hat sich hier schon von schulentypischen Vorgehensweisen in Teilen distanziert (vgl. Scheiblich 1994).
Metaphernanalyse kann für die
Rekonstruktion der im alltäglichen Sprachgebrauch sedimentierten
Muster genutzt werden, wie für den alltäglichen
Alkoholkonsum, so auch für andere Themen. Mit ihr verbindet sich
die Hoffnung auf die beraterische Fähigkeit, den Menschen "auf
das Maul zu sehen" (Martin Luther, 1530) und sie in ihrer
eigenen Sprachwelt ernstzunehmen. Linguistische Theorie (u.a. George
Lakoff, Mark Johnson) könnte dabei zum Element von Theorie und
Praxis der Beratung werden.
Literatur:
Adorno, Theodor
W.; Horkheimer, Max. Dialektik der Aufklärung. Frankfurt am Main
19829
Antons, Klaus; Schulz, Wolfgang; unter Mitarbeit von Antons-Brandi, Vera. Normales Trinken und Suchtentwicklung: Theorie und empirische Ergebnisse interdisziplinärer Forschung zum sozialintegrierten Alkoholkonsum und süchtigen Alkoholismus. Hogrefe-Verlag, 3. Auflage Göttingen 1990
Barthels, Marc. Subjektive Theorien über Alkoholismus. Versuch einer verstehend-erklärenden Psychologie des Alkohols. Aschendorff, Münster 1991
Bock, Herbert. Argumentationswert bildhafter Sprache im Dialog. Eine denkpsychologische Untersuchung der Wirkung von auf Analogien beruhenden Sprachbildern als Problemlöseheuristiken in argumentativen Dialogen. Dissertation Universität Regensburg, Frankfurt 1981
Breuer, Katrin. Subjektive Sichtweisen der Rolle des Alkohols bei der Lebensgestaltung. Unveröffentlichte Diplomarbeit am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Sozialwesen Zittau/Görlitz, Oktober 1998
Buchholz, Michael B.; Kleist, Cornelia von. Metaphernanalyse eines Therapiegespräches. In: Buchholz, Michael B. (Hrsg). Psychotherapeutische Interaktion. Qualitative Studien zu Konversation und Metapher, Geste und Plan. Westdeutscher Verlag, Opladen 1995, S. 93-126
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 1997. Köln 1998
Büschges-Abel, Winfried. Lernen wird zum Erlebnis. Neurolinguistisches Programmieren in Schule und Sozialpädagogik. Luchterhand, Neuwied 1998
Csordas, Thomas J. Embodiment as a Paradigm for Anthropology. In: Ethos, Journal of the Society for Psychological Anthropology, Volume 18, Number 1, March 1990, S. 5-47
DHS (Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren), (Hrsg.). Alkohol - Konsum und Missbrauch; Alkoholismus - Therapie und Hilfe. Lambertus-Verlag, Freiburg 1996
DHS (Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren), (Hrsg.). Jahrbuch Sucht 1996. Neuland-Verlag, Geesthacht 1995.
DHS (Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren), (Hrsg.). Jahrbuch Sucht 1998. Neuland-Verlag, Geesthacht 1997
Flick, Uwe. Alltagswissen über Gesundheit und Krankheit. Asanger, Heidelberg 1991
Hüllinghorst, Rolf. Zur Versorgung Suchtkranker in Deutschland. In: DHS 1997, S. 123-141
Johnson, Mark. The Body in the Mind. The Bodily Basis of Meaning, Imagination, and Reason. The University of Chicago Press, Chicago 1987
Junge, Burckhard. Alkohol. In: DHS 1995
Kluge, Friedrich. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 22. Auflage. De Gruyter, Berlin 1989.
Koerfer, Armin; Martens-Schmid, Karin. Editorial zum Themenheft: Erzählen in der Psychotherapie. In: Psychotherapie und Sozialwissenschaft, Heft 2/2000, S. 83ff
Kraus, Ludwig; Bauernfeind, Rita. Repräsentativerhebung 1997. Schriftliche Befragung zum Gebrauch psychoaktiver Substanzen bei Erwachsenen in Deutschland. Bundesministerium für Gesundheit, Bonn 1997
Kronberger, Nicole. Schwarzes Loch und Dornröschenschlaf - eine Metaphernanalyse von Alltagsvorstellungen von Depressionen. In: Psychotherapie und Sozialwissenschaft, Heft 2, 1999. S. 85-104
Kryspin-Exner, Ilse. Alkoholismus. In: Reinecker, Hans (Hrsg.), Lehrbuch der klinischen Psychologie, Hogrefe-Verlag, Göttingen 1998, S. 353-388
Lakoff, George; Johnson, Mark. Metaphors we live by. The University of Chicago Press, Chicago 1980. Deutsche Übersetzung: Leben in Metaphern, übersetzt von Astrid Hildenbrand. Carl-Auer-Systeme, Heidelberg 1998
Lakoff, George. Women, Fire and Dangerous Things. What Categories Reveal about the Mind. The University of Chicago Press, Chicago 1987
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Anmerkungen:
1
Der Aufsatz ist eine erweiterte
Fassung eines ersten Forschungsberichts (Schmitt 1999).
2Kraus, Bauernfeind 1997 nennen folgende Verteilung der Abstinenz (definiert als unterlassenen Alkoholkonsum in den letzten 12 Monaten) bei 18-59jährigen Erwachsenen: Männer neue Bundesländer: 2%, Frauen ebd. 6%, Männer alte Bundesländer 6%, Frauen ebd. 10%.
3Ich bin Frau Katrin Breuer für die Überlassung dieser Interviews zu großem Dank verpflichtet.
4Ein Beitrag zur Validierung von Metaphernanalysen ist in Vorbereitung.
5Die körperliche Bedeutung im Sinne einer Stillstellung ist noch in dieser fachsprachlichen Latinisierung zu erkennen: "Abstinenz" leitet sich vom lat. "tenere" (halten, festhalten) ab (Kluge 1989, S. 6)
6Nicht ausgeführt werden hier Praktiken der Beschenkung bei Einladungen, als Urlaubsmitbringsel etc., die oft in Form von finanziell aufwendigeren Alkoholika dem, wie es Mauss nennt, symbolischen Gabentausch und der gemeinsamen Gabenvernichtung zugeführt werden. Dabei ist zu beobachten (was einer systematischeren soziologischen oder ethnologischen Studie zur Überprüfung vorbehalten wäre), daß die Wertzuweisung in der Form des Etiketts, der Verpackung und der zu vermutenden finanziellen Aufwendigkeit eine erhebliche Rolle spielt. Während in den hier interviewten sozialen Schichten eher hochprozentige Spirituosen diese Rolle übernehmen, ist in anderen Gruppen das Phänomen der "Kennerschaft" insbesondere bei Weinsorten auffällig, welches eine eigene Semantik des Prestiges entfaltet.
7Damit sind nicht alle Modelle genannt; es bleiben beim jetzigen Stand der Studie weniger umfangreiche und noch nicht validierte metaphorische Muster übrig, die in einem größeren Zusammenhang publiziert werden sollen.
8Menschen mit langjährigem Alkoholmißbrauch und einer Alkoholhalluzinose hören oft kommentierende Phoneme ("Stimmen") im Sinne solcher Gewissensbewertungen, daß sie Schimpfworte ("Du Säufer!") wahrnehmen.
9Die Analyse von Narrationen als organisierende Einheit von Handeln und Identität kann hier nicht ausgeschöpft werden, vergl. Koerfer, Martens-Schmid 2000, S. 83ff.
10Eine enttäuschende Zugangsweise bietet hier das Forschungsprogramm "Subjektive Theorien", z. B. Barthels 1991, in der die postulierte Wissenschaftsförmigkeit des Alltagswissens dazu führt, daß dieses zu subjektfernen finalen oder kausalen Abstrahierungen filtriert, sein sinnliche Gehalt dagegen eliminiert wird.