Die Niederlande
Der gute Kontakt zu meiner niederländischen Heimat ist selbstverständlich, wie auch eine Kontinuierung der Erforschung holländischer Themen. So war die Studienrichtung Architektur 2001 auf Exkursion in Rotterdam, Delft, Den Haag, Amsterdam und Utrecht.

Im Rahmen der Gaudí-Forschungsgruppe der Technischen Universität Delft (Jan Molema) sowie der Gesellschaft Cuypers-Genootschap gibt es vielfältige Aktivitäten.

Ausstellung Entwürfe für den Friedenspalast in Den Haag, 1906




Ausstellung: Paix, Frieden, Mir, Vrede, Peace allen Völkern! - Internationale Entwürfe für den Friedenspalast in Den Haag 1906, (Organisation Rotary-Club Dreiländereck Oberlausitz) Dresdner Bank, Zittau 1999.

Im Sommer 1899, wurde im niederländischen Den Haag die erste Welt-Friedenskonferenz abgehalten. Die Einladung an die in St.-Petersburg akkreditierten Botschafter ging von Zar Nikolaus II. aus, welcher mit großer Sorge die gewaltigen Kosten für die militärische Aufrüstung sah. Die journalistischen Beobachter waren überrascht, daß Aspekte friedenstiftender Theorien (Pazifismus) offiziell besprochen wurden, und daß die Friedenskonferenz eine offene diplomatische Umgangsform, jenseits von eng-nationalistischen Visionen, entwickelt hatte. Konkretere Erfolge der Friedenskonferenz waren gering.

Man besann sich darauf, einen festen Sitz für internationale Friedensbemühungen einzurichten. Für den Friedenspalast in Den Haag wurde 1903 vom US-Stahlgiganten Andrew Carnegie, dem Sohn eines schottischen Damastwebers, $ 1.500.000 gestiftet.

Das Ergebnis des internationalen Wettbewerbes für den Friedenspalast (1906) wurde als Mappenwerk mit - teilweise farbigen, in meisterhafter Technik ausgeführten – Zeichnungen publiziert, und in der Ausstellung gezeigt. Neben Vorschlägen in verschiedenen Stilen, modernen funktionsbestimmten Großbauten, Nachahmungen erfolgreicher Bautypen, gab es auch Bombastisches und skurille Verweise auf die Weltkulturen. Den ersten Preis gab es für den Entwurf von Cordonnier aus Lille. Cordonnier überarbeitete mit Van der Steur seinen Entwurf im Stil eines gotischen belgischen Rathauses (Bauausführung bis 1913).

Heute befinden sich im Friedenspalast u.a. der Ständige Schiedshof für die Schlichtung internationaler Streitfälle, der Internationale Gerichtshof, die Akademie für Internationales Recht und ein Museum.



Die Neogotik von Pierre Cuypers


Bis Hendrik Petrus Berlage (1856-1934), der anerkannte Lehrmeister der internationalen Moderne, zum größten Architekt Hollands gekürt wurde, nahm Dr. Petrus Josefus Hubertus Cuypers (1827-1921), kurz Pierre Cuypers, diese Stelle ein. Im Zuge einer fortschreitenden Emanzipation der Katholiken in den protestantischen Niederlanden verstand Cuypers es, die leitende Rolle beim Kirchenbau - insgesamt 68 - zu übernehmen und, quasi nebenbei, eine durchgreifende Erneuerung der niederländischen Baukultur zu bewirken. Eine wichtige Erfahrung war die eingreifende Restaurierung der Liebfrauenkirche in Roemond, die er - schon damals umstritten bei Archäologen - in 'verschönernder' Art durchführte. Seine eigenständige Neugotik entwickelte er entlang der rationellen Interpretation der Gotik nach Violett-le-Duc. Um 1875 bekam er mit dem Rijksmuseum und dem Hauptbahnhof in Amsterdam repräsentative Aufträge, die er im Stil der "Holländischen Renaissance" ausführte. Neben viel Bewunderung - darunter auch nahmhafter Architekten wie de Klerk, Wijdeveld und teils auch Berlage - gab es für ihn zeitlebens erbitterte Kritik und Widerstand.

Unser Forschungsansatz sieht Cuypers' Rolle für die Architektur vor allem bestätigt in seiner konsequenten Suche nach dem leichten Bauen, was ihm nicht zuletzt mit dem Einsatz von Gewölben gelang.



Tomlow, J.: Dr. Pierre Cuypers & Sohn & Co. und Ihre Rolle bei der Entwicklung vom Gewölbe zur Schale in den Niederlanden um 1900, in: architectura - Zeitschrift für Geschichte der Baukunst 1998, S. 40-60

Tomlow, J.: Lightweight vaults as a major aspect of Gaudinism in the work of Pierre and Joseph Cuypers (1853-1922), in: Gaudí Innovator. Proceedings VII International Days of Gaudí Studies, 25 Years of Gaudí Studies in Delft (NL), Antonio Gaudí and the Future of architecture, Delft University, 9.-12.11.2000, Delft 2001, S. 31-44




Der Neobyzantinismus von Joseph Cuypers und Jan Stuyt




Der Erfolg des internationalen Jugendstils ging einher mit einem raschem Niedergang der Anerkennung früherer Stile wie der Neugotik, auch für dessen hervorragendste Vertreter wie Pierre Cuypers, dessen Sohn Josef Cuypers und Jan Stuyt. Beide letzteren fanden einen Weg die innovative Wölbtechnik weiterzuführen, in einem neobyzantinischem Gewand.

Der Neobyzantinismus, der auch osmanischen Stilmerkmale (Muquarnaverzierungen an Kapitellen, Minarettgestalt für Schornsteine) aufweist, schlug sich um 1920 in gemauerten Kuppelbauten nieder, wie z.B. die illustrierte Kirche in Beverkijk.


Jan Stuyt baute 1913-1915 mit Pierre Cuypers Jr. die Cenakelkirche in Nimwegen (Heiligland-Stichting). In Mitarbeit mit dem Bauingenieur Jan Gerko Wiebenga entstand die Kuppel als eine bemerkenswert frühe, nur 10 cm dicke Betonschale (Spannweite 15 m).


Tomlow, J.: Dr. Pierre Cuypers & Sohn & Co. und Ihre Rolle bei der Entwicklung vom Gewölbe zur Schale in den Niederlanden um 1900, in: architectura - Zeitschrift für Geschichte der Baukunst 1998, S. 40-60

Tomlow, J.: Lightweight vaults as a major aspect of Gaudinism in the work of Pierre and Joseph Cuypers (1853-1922), in: Gaudí Innovator. Proceedings VII International Days of Gaudí Studies, 25 Years of Gaudí Studies in Delft (NL), Antonio Gaudí and the Future of architecture, Delft University, 9.-12.11.2000, Delft 2001, S. 31-44



Sanierungsentwurf "Dienstencentrum aan de Laurentiuskerk in Dongen"

Pläne zum Abriß der Kuppelkirche im niederländischen Dongen (Laurentiuskerk von Joseph und Pierre jr. Cuypers 1917-1921) haben eine besonders besorgte Reaktion in der Gemeinde ausgelöst. Die Stiftung Fonds Laurentiuskerk sowie die Heimatschutzgruppe "De Heerlyckheit van Dongen" haben uns um eine wissenschaftliche Unterstützung bei ihrem Bestreben die Kirche vor Abriss zu retten.

Im Rahmen von laufenden Neugotik-Untersuchungen wurde ein denkmalpflegerisches Gutachten, mit Argumenten architektur-, kunst-, und technikgeschichtlicher Art, erarbeitet. Gleichzeitig entstand ein Entwurf für ein Pfarrzentrum, wobei der neue Anbau an der alten Kirche weitgehend ohne Substanzverlust der Kirche erfolgen könnte. (Entwurf 1999
Jos Tomlow, Mitarbeit Student BA98 Thomas Steinert)



Die Entwurfsaufgabe bestand darin, die modernen Anforderungen einer Kirchgemeinde, gekoppelt mit einer niedrigeren Zahl von Mitgliedern möglichst wirtschaftlich zu lösen. Unsere Analyse ergab daß der Architekt ursprünglich eine Erweiterung der Kuppelkirche vorgesehen hatte. Die dafür angedachte Fläche wird im Sanierungsentwurf zweistöckig bebaut und mit Funktionen wie Information, Sprechzimmer, Buffet und Sanitäreinrichtungen belegt. Die gewünschte Verkleinerung der Kirche von 2000 auf 400 Plätze wurde erreicht durch eine Abtrennung der Seitenschiffzone mit Glaswänden mit darüberliegenden Balkonen. Besondere Sorgfalt galt der harmonischen Verbindung der Bodenhöhe in alt und neu. In Hinblick auf eine wirtschaftliche Verwertung des Kirchenraumes sind auch kulturelle Veranstaltungen vorgesehen wobei entsprechende Technikräume unauffällig in der Querachse im Obergeschoß Platz finden. Der einzige nennenswerte Verlust an Originalsubstanz galt dem "Haupteingang", der sowieso provisorisch ausgeführt war (im Hinblick auf die geplante Erweiterung ) und weit weniger Anspruch hatte als der Seiteneingang, der im Entwurf als gleichrangiger Zugang neben dem Eingang des Anbaus betrachtet wird.


In der regionalen Presse von Dongen und an Hand einer Ausstellung am 12.9.1999 wurde das denkmalpflegerische Gutachten und der Entwurf des Pfarrzentrums an der Laurentiuskirche rege diskutiert. Ein Abriß oder ein Verkauf der Laurentiuskirche wurde darauf vom Kirchenvorstand nicht mehr angestrebt, da sich offensichtlich die öffentliche Meinung stark dagegen zur Wehr setzte, und auch die Aufnahme als Denkmal (Königreich Niederlande) wurde beschlossen. Mittelfristig wird die Durchführung einer Sanierung geplant.

Tomlow, J.: Ontwerpvoorstel voor een parochiaal dienstencentrum aan de Laurentiuskerk in Dongen, in: Cuypersbulletin – Nieuwsbrief van het Cuypersgenootschap, nummer 3, september 1999, S. 9-14

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