Geschichte des Konstruierens
Der Begriff "Geschichte des Konstruierens" geht zurück auf das gleichnamige Forschungsprojekt im Rahmen des SFB 230: Natürliche Konstruktionen - Leichtbau in Architektur und Natur. In "Geschichte des Konstruierens" wird der Entwurfsvorgang insbesondere im Hinblick auf konstruktive Aspekte erforscht.

Castillo de Bellver, Mallorca



Das Castillo de Bellver (1309-1314) bei Palma de Mallorca hat eine bemerkenswert konsequent kreisförmige Struktur. Die ringförmige Innenhofwand wird gebildet von einer Bogenstellung in 21 gleichen Abschnitten. Im gewölbten Obergeschoß werden diese Abschnitte nochmal durch eine Zwischenstütze unterteilt. Die Aufgabe war zu klären, wie die dünne Innenhofwand, ohne jegliche Strebepfeiler, im Stande war, den Gewölbeschub abzuleiten.






Tomlow, J.: Gewölbe des Castillo de Bellver - ein Beispiel konstruktiver Innovation, in: Geschichte des Konstruierens V, Wölbkonstruktionen der Gotik 2, Konzepte SFB 230 Heft 38, 1991, S. 35-63

Tomlow, J., Castillo de Bellver auf Mallorca. Ein Versuch zur Deutung der Entstehung und Gestalt eines Unikats, in: Gotische Architektur in Spanien - La arquitectura gótica en Espa¤a, Akten des Kolloquiums der Carl Justi-Vereinigung und des Kunstgeschichtlichen Seminars der Universität Göttingen, 04.-06.02.1996, Madrid, Frankfurt am Main 1999, S.227-249, 404-407

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Die Rekonstruktion spätgotischer Gewölbe in Hirsau und Alpirsbach

Spätgotische Gewölbe

In Auftrag und Zusammenarbeit mit dem Landesdenkmalpflegeamt Baden-Württemberg (Außenstelle Karlsruhe) wurden über geometrische und statisch-konstruktive Aspekten der Gewölbesysteme im Kreuzgang der Kloster Hirsau und Alpirsbach (beide im Schwarzwald) neue Erkenntnisse bearbeitet und publiziert.

A. Gewölbesystem im Kreuzgang Kloster Hirsau (1482-1495)

Das Kloster Hirsau wurde im 11. Jh. zu einem der wichtigsten Reformkloster in Deutschland. Aus ihm wuchs die Hirsauer Bautradition. In der Spätgotik wurde der riesige Kreuzgang gewölbt und mit einer Farbverglasung, die Bibel darstellend, versehen (Biblia pauperum).
Nach Verfall in der Reformation zerstörte Brand 1692 die Anlage bis auf die Grundmauern. Im 19. Jh. folgte die Pflege der Ruine im Sinne der Romantik.
Die Klärung aller Fragen welche zur Erstellung einer Rekonstruktion bestanden, machte eine ausführliche Analyse der baulichen Substanz, zahlreicher, häufig beschädigter Werksteine und Studien der speziellen Literatur notwendig.

In einer zweiten Phase galt es die hoch entwickelte Entwurfsgeometrie (Prinzipalbogenverfahren) mit der Bestandsaufnahme zu konfrontieren, woraus schließlich vier Hauptsysteme, sowie einzelne Sondersysteme für die Gewölbe rekonstruiert werden konnten.

Die Studie wurde Werner Müller, Ludwigshafen, dem Kenner des Prinzipalbogenverfahrens, gewidmet.





Es galt für die Rekonstruktion die einzelnen erhaltenen Werksteine, rund 600, zu analysieren auf die Zugehörigkeit zum ursprünglichen Gewölbesystem. Vor allem die Winkel bei den Rippenkreuzungen sollten möglichst exakt festgestellt werden. Die herkömmlichen Fotos (A) sind für diesen Zweck ungeeignet, da sie die strukturellen Eigenschaften durch die beliebige Fotoblickrichtung nicht aufgedeckt werden. Wir entwickelten darauf eine Fotoaufstellung der markantesten Rippenkreuzungen, wobei das Ergebnis im Foto eine quasi-parallele Projektion des Werksteins zeigt. Auf diese Weise konnten die Winkel der Rippenkreuzungen exakt vom Foto abgemessen werden. (Foto R. Hajdu, Stuttgart)


Tomlow, J.: Versuch einer (zeichnerischen) Rekonstruktion des Gewölbes im spätgotischen Kreuzgang des Klosters Hirsau, in: Hirsau St. Peter und Paul 1091-1991, Teil I, Zur Archäologie und Kunstgeschichte, Forschungen und Berichte der Archäologie des Mittelalters in Baden-Württemberg Band 10/1, Stuttgart 1991, S. 365-393

B. Gewölbesystem im Kreuzgang Kloster Alpirsbach (1481-1494)
Ostflügel von Süden



Der Westflügel zeigt das gleiche Gewölbemuster wie der Nordflügel. Das Bemühen des Baumeisters Material zu sparen, führte im Westflügel dazu daß die Rippenansätze hoch platziert wurden, was zu einem erhöhten Gewölbeschub führte, und schließlich den Abriß bewirkte. Rechts zum Vergleich der Schnitt des Nordflügels mit den Rippenansätzen auf gewohnter Höhe.


Tomlow, J.: Neue Erkenntnisse zur Baugeschichte des Kreuzgangs – Entwurf und Ausführung eines mittelgroßen spätgotischen Gewölbes, in: Alpirsbach – Zur Geschichte von Kloster und Stadt, hrsg. v. Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Forschungen und Berichte der Bau- und Kunstdenkmalpflege in Baden-Württemberg Band 10, Stuttgart 2001, S.427-448
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Klassizistische Wölbkonstruktionen von Alessandro Antonelli in
Turin und Novarra


Turin, 1863 to 1878 (Torino dal 1863 al 1878).

Der Leichtbau des Architekten Antonelli (1798-1888) ist historisch einmalig und ein Wechselspiel von innovativer klassizistischer Architektur und übersteigerter Kühnheit in der Konstruktion. Hier werden kurz vorgestellt die Mole Antonelliana (Turin 1863-1878) und der Vierungsturm der barocken Kirche San Gaudenzio (Novara 1841-1887).

Die Mole Antonelliana, genannt nach dem Architekten Antonelli, war ursprünglich als Synagoge der Hauptstadt Italiens geplant. Als Rom statt Turin letztendlich Hauptstadt wurde, übernahm die Stadt Turin die Fertigstellung. Das Gebäude ist mit 167,5 m das höchste in Stein (allerdings mit vielfacher Verwendung von Stahlankern). Antonellis Gewohnheit extrem dünne Wände und Stützen zu bauen führte ihn zeitlebens Kritik zu seitens der Ingenieure, die schließlich eine Verstärkung mit einem Betonfachwerk durchsetzten.

Die Relevanz der Studie von Werken Antonellis liegt in der einmaligen Inventivität des Entwurfsprozesses, der geprägt ist von konsequenter modularer Ordnung, meisterhaften mauertechnischen Details, und einer Hierarchisierung der konstruktiven Teile.
Was bei der der Mole Antonelliana im Umfang seinen Höhepunkt findet, die Konstruktion als Erlebniswelt, wird in Novarra bei der Basilik San Gaudenzio, in noch konsequenterer Weise in Ziegeln, kombiniert mit Granit und Stahlankern, verwirklicht. Der Vierungsturm erreichte die beträchtlichen Höhe von 122 m nach einer langen Reihe von Entwurfsvarianten. Schließlich gelang es Antonelli eine weitgehend offene Konstruktion aus drei konzentrischen Schichten zu erstellen. Die mittlere dieser Schichten besteht aus einer Stapelung von Kuppeln zwischen Stützen die kegelförmig nach oben zu zusammenlaufen und die hohe Turmspitze tragen.

Tomlow, J., M. Trautz: Alessandro Antonelli (1798-1888) Lightweight Masonry Structures in Neoclassical Architecture, in: Proceedings 3rd Int. Symp. SFB 230 Stuttgart 4-7.10.1994. Evolution of Natural Structures, Principles, Strategies and Models in Architecture and Nature, Mitteilungen des SFB 230 Heft 9, S. 119-124

Tomlow, J., Alessandro Antonelli (1798-1888) - Rationelle Gewölbekonstruktionen im neoklassischen Gewand, in: Architektur im Spannungsfeld zwischen Klassizismus und Romantik, Wissenschaftliche Zeitschrift Bauhaus-Universität Weimar, 42 (1996) Heft 2/3, S.87-99

Die Studie entstand in Zusammenarbeit mit dem Bauingenieur Martin Trautz (Universität Stuttgart), der seine konstruktiv-statischen Studien in einer Dissertation verarbeitet hat.

Trautz, M.: Zur Entwicklung von Form und Struktur historischer Gewölbe aus der Sicht der Statik (Dissertation) Heft 28 des Instituts für Baustatik, Universität Stuttgart, Stuttgart 1999

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