Hochschule Zittau/Görlitz
Fakultät Wirtschafts- und Sprachwissenschaften
DEUTSCH ZUR VORBEREITUNG AUF DIE FESTSTELLUNGSPRÜFUNG
Lehrmaterial für den Deutschunterricht im 2. Kollegsemester (WW/TI)
EINHEIT 12
Indirekte Redewiedergabe - Interview
Die indirekte Redewiedergabe
Merkmale der direkten Redewiedergabe (Zitat):
1. Redeeinleitung: (kann weggelassen werden, wenn eindeutig ist, dass es sich um ein Zitat handelt)
Sie kann bestehen aus:
- Sprecher
- Redeverb
- Zeit und Ort des Sprechens
- Art und Weise des Sprechens
- Gesprächspartner
2. nach Redeeinleitung i.d.R. Doppelpunkt (manchmal steht die Redeeinleitung auch als vollständiger Satz mit Punkt)
3. Anführungszeichen (sog. Gänsefüßchen)
Beispiele:
1. Der Direktor des Instituts für Bevölkerungsforschung sagte am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Berlin: "..."
2. "..." Das gab ein Sprecher der Bundesregierung gestern in Berlin bekannt.
3. Die Expertin für Bevölkerungsentwicklung am Washingtoner Brookings-Institut, Audrey Singer, sagt: "Jedes Jahr wächst die Bevölkerung der USA um ein Prozent, so schnell wie in keiner anderen Industrienation dieser Erde."
"Jedes Jahr wächst die Bevölkerung der USA um ein Prozent, so schnell wie in keiner anderen Industrienation dieser Erde", sagt die Expertin für Bevölkerungsentwicklung am Washingtoner Brookings-Institut Audrey Singer.
"Jedes Jahr wächst die Bevölkerung der USA um ein Prozent", sagt die Expertin für Bevölkerungsentwicklung am Washingtoner Brookings-Institut Audrey Singer, "so schnell wie in keiner anderen Industrienation dieser Erde."
Informieren Sie sich über
die Funktionen der indirekten Redewiedergabe (im Vergleich zur direkten Redewiedergabe)
die Merkmale der indirekten Redewiedergabe
die Tempusformen bei der indirekten Redewiedergabe
Beispiele:
A: "Die Bevölkerungszahl wächst um jährlich 80 Millionen Menschen."
B: A sagt, dass ...
A: "Die Bevölkerungszahl wird jährlich um 80 Millionen Menschen wachsen."
B: A sagt, ...
A: "Die Bevölkerungszahl wuchs um jährlich 80 Millionen Menschen."
B: A sagt, ...
A: "Die Bevölkerungszahl ist um jährlich 80 Millionen Menschen gewachsen."
B: A sagt, ...
A: "Die Bevölkerungszahl war um jährlich 80 Millionen Menschen gewachsen."
B: A sagt, ...
Aufgaben:
1. Formen Sie die direkte Rede in indirekte Rede um.
Ein Student erzählte mir:
"Ich stamme aus Ungarn. Meine Mutter ist Lehrerin. Seit einem Jahr studiere ich in Dresden. Vorlesungen habe ich von Montag bis Freitag. Sonnabends arbeite ich zumeist in der Bibliothek. Am Sonntag mache ich manchmal mit meinen Freunden einen Ausflug. Ab und zu gehe ich auch tanzen. In den Ferien fahre ich immer nach Hause."
Eine Studentin berichtet:
"Wir sind in unserer Gruppe über 20 Studenten. Etwa die Hälfte sind Mädchen. Zwei von uns sind schon verheiratet. Es sind auch einige Ausländer in unserer Gruppe. Sie sind aber erst seit einem halben Jahr mit uns zusammen. Sie sind zu einer Spezialausbildung in Dresden."
Rita erzählt den Eltern:
"Einige meiner Kommilitonen kommen aus afrikanischen Ländern. Wir haben die meisten Lehrveranstaltungen gemeinsam. Abends treffen wir uns manchmal im Studentenclub. Die ausländischen Studenten können alle schon ziemlich gut Deutsch. Sie verstehen nur manche umgangssprachliche Wörter nicht. Wir sprechen mit ihnen gern über ihre Heimat. Wir wissen schon viel von den Sitten und Bräuchen in ihren Ländern."
Thomas teilt seiner Mutter am Telefon mit:
"Ich bin gestern spät nach Hause gekommen. Wir waren den ganzen Tag auf der Buchmesse. Anfangs fiel es uns schwer, uns unter den vielen Ständen zu orientieren. Zuerst gingen wir zum Stand des Enzyklopädie-Verlages. In diesem Verlag sind im vergangenen Jahr einige Sprachlehrbücher erschienen. Vor Kurzem ist ein neues Gesprächsbuch herausgekommen. Anschließend war ich bei einigen Verlagen für Kunst- und Reisebücher. Am Abend bin ich noch zu einer Schriftstellerlesung gefahren."
Eine Studentin erzählte mir:
"Ich war gestern in Dresden. Als ich durch die Stadt bummelte, traf ich eine alte Bekannte aus meiner Heimat. Wir haben uns in ein Café gesetzt und ein wenig geplaudert. Sie wohnt schon eine ganze Zeit in der Elbestadt, ist dort verheiratet und geht in einen Betrieb arbeiten. Sie fühlt sich sehr wohl, nur fehlen ihr manchmal die alten Freunde. In ihrer Freizeit treibt sie viel Sport. Im vergangenen Jahr war sie mit ihrem Mann mehrere Wochen an einem See in Bayern. Dort sind sie viel geschwommen und gesegelt. Jetzt kommt sie weniger oft zum Schwimmen, da der Weg zum Bad sehr weit ist. Dafür spielt sie Tennis. - Ich freue mich, dass ich in einer fremden Stadt eine so gute Bekannte habe."
2. In der Zeitschrift "abi. Berufswahl-Magazin", Heft 2/2001, S. 15, wurden Abiturienten gefragt, ob sie planen, während des Studiums ins Ausland zu gehen und wenn ja, warum.
(1) Geben Sie den vollständigen Inhalt jeder Antwort in indirekter Rede wieder.
(2) Geben Sie den wichtigsten Inhalt jeder Antwort in einem Satz indirekt wieder.
Caroline Kiegler: "Da ich Germanistik studieren möchte, werde ich wohl nicht an eine ausländische Universität gehen. Aber ich kann mir vorstellen, dass ich nach dem Abitur ein Vierteljahr in den USA verbringe und dort in einem Camp für benachteiligte Kinder arbeite."
Christian Vogt: "Ich plane, zwei Semester im Ausland zu studieren. Dort möchte ich meine Sprachkenntnisse verbessern, den Umgang mit anderen Kulturen lernen und selbstständiger werden. Außerdem macht sich Auslandserfahrung später bei Bewerbungen immer gut."
Maida Appel: "Ich habe vor, ein Jahr in die USA zu gehen, weil ich Englisch studieren möchte. Es reizt mich, eine bestimmte Zeit in einer anderen Kultur zu leben, dabei kann ich neue Lebenserfahrungen sammeln."
Christoph Leonhardi: "Allein schon um eine Sprache richtig zu lernen, ist ein Auslandsaufenthalt sehr nützlich. Außerdem lernt man dort neue Arbeitsweisen kennen und erweitert sein Wissensspektrum. Für mich kommt ein Teilstudium im Ausland infrage."
Julia Rische: "Ich habe vor, nach dem Abitur ein Berufspraktikum zu machen. Ob im Ausland oder hier, das weiß ich allerdings noch nicht. Ich glaube, ein Praktikum bringt mir Vorteile im späteren Berufsleben."
3. Umfrage
Welche Schwierigkeiten hatten Sie beim Studienstart? Geben Sie die Meinungen indirekt wieder.
Anja Struntz, Lindau, Physik:
"Die Methoden und die Begriffe an der Hochschule waren völlig neu. Ich fühlte mich durch die Schule nur schlecht auf die Uni vorbereitet. Der Stoff erschlägt einen hier förmlich. Oft werden bei mathematischen Beweisen mehrere Schritte gleichzeitig vollzogen. Da kann man in der Vorlesung nur mitschreiben und hoffen, dass man den Stoff beim Nachbereiten zu Hause versteht."
Thomas Tinus, Weinheim, Jura:
"Das eigenständige Bearbeiten von Problemen anhand wissenschaftlicher Literatur war sehr ungewohnt. Was ich jetzt weiß: An der Uni muss man von Anfang an konsequent und kontinuierlich lernen, sonst verliert man schnell den Anschluss."
Cornelia Beyerbach, Kaiserslautern, Geschichte und Französisch:
"Der Wechsel von der Schule zur Hochschule ist eine Riesenumstellung. Man muss plötzlich alles selbst machen. Hier gibt es keine streng vorgegebenen Bahnen und keine permanenten Leistungskontrollen."
Martin Trappe, Sandhausen, Physik:
"Der Studienstart war brutal, ein Sprung ins kalte Wasser. Im Vorkurs Mathematik wurde in zwei Wochen der gesamte Oberstufenkurs durchgenommen. Das Tempo ist wahnsinnig. Aber, Stress verbindet. Und so bekommt man sehr schnell Kontakt zu den Kommilitonen."
Jasmin Krukalo, Speyer, Germanistik, Slawistik und Politikwissenschaft:
"An der Uni stürzten tausend Fragen auf mich ein: Welche Scheine muss ich machen? Welche Kurse sind Pflicht? Wie stelle ich meinen Stundenplan zusammen? Ich war am Anfang ziemlich verunsichert. Weitergeholfen haben mir die Ratschläge der Fachschaft."
(Nach: abi. Berufswahl-Magazin, Heft 2/2002, S. 15)
4. Umfrage
Würden Sie sich für ein Fachhochschul-Studium entscheiden? Geben Sie die Antworten indirekt wieder.
Sepideh Daneshmand:
"Das universitäre Studium ist zwar theoretischer als ein FH-Studium, es kommt aber bei den späteren Arbeitgebern besser an. Und man kann leichter leitende Positionen erreichen. Für mich wäre die Fachhochschule Reutlingen die einzige Alternative zu einer Universität, denn sie soll in Wirtschaftswissenschaften wirklich top sein."
Philip Gärtner:
"Ich konnte mich bisher noch nicht entscheiden. Universitäts-Absolventen können auf lange Sicht Positionen mit höherer Verantwortung erreichen. Doch mit dem FH-Studium, das in kürzerer Zeit abgeschlossen wird, scheint es mir doch viel sicherer, eine Einstiegsstelle zu bekommen."
Angela Rupp:
"Nein, da bin ich traditionell eingestellt. Universitätsabschlüsse sind immer noch besser angesehen als Fachhochschulabschlüsse. Studiengänge wie Jura oder Anglistik, die mich interessieren, gibt es sowieso nur an der Universität."
Karolin Baron:
"Ich möchte etwas Ähnliches machen wie ein Fachhochschulstudium, denn ich habe die Absicht, eine Berufsakademie zu besuchen, die ebenfalls eine praxisorientierte Ausbildung anbietet. Hier möchte ich International Business studieren."
Lars Schlehhahn:
"Ich entscheide mich vielleicht für die Fachhochschule, weil ich ein eher praxisorientiertes Studium bevorzuge. In technischen und wirtschaftlichen Fächern erwarte ich an einer FH mehr anwendungsbezogene Inhalte und nicht nur die Vermittlung der rein theoretischen Basis. Ich will nach dem Abitur erst einmal ein Jahr reisen und mich dann festlegen."
(Nach: abi Berufswahl-Magazin, Heft 2/2003, S. 15)
5. Umfrage
Auf welchen Wegen haben Sie sich über den Studiengang Ihrer Wahl informiert? Geben Sie die Antworten indirekt wieder.
Christine Herget, 18 Jahre:
"Ich interessiere mich für Physiotherapie. Meine Mutter arbeitet in diesem Beruf und hat mir schon viel aus dem Alltag erzählt. Während eines Praktikums auf einer Physiotherapiestation im Krankenhaus habe ich mir selbst ein Bild gemacht und der Job gefällt mir wirklich gut. Schade ist nur, dass ich erst eine Ausbildung machen muss, bevor ich mit einem Studium beginnen kann. Meine Erfahrung ist, dass man die besten Infos über Berufe aus Gesprächen mit Berufsvertretern zieht. Aber natürlich gibt es auch im Internet einige gute Seiten, auf denen man sich über Studiengänge und Berufe informieren kann. Hilfreich war bei meiner Entscheidung auch, dass an die Schule ein Berufsberater kam. Der hat uns wirklich gute Tipps gegeben."
Anna Franz, 18 Jahre:
"Ich kann mir vorstellen, später Sozialpädagogik zu studieren, habe mich aber noch nicht genauer darüber informiert. Ich plane demnächst in das BIZ zu gehen und mich dort über die verschiedenen Möglichkeiten zu informieren. Vielleicht werde ich auch noch einmal einen Studieneignungstest machen, bevor ich mich endgültig für ein bestimmtes Fach entscheide. Ich möchte auch eine Universität besuchen, um mir den Hochschulbetrieb anzuschauen. Passende Studiengänge finde ich bei www.studienwahl.de, Berufsbeschreibungen stehen bei BERUFENET."
Zhaohai Jiang, 19 Jahre:
"Ich schwanke noch, ob ich nach dem Abitur Physik oder Luft- und Raumfahrttechnik studieren werde. In Physik war ich schon immer gut. Ich tüftele auch in der Freizeit und habe schon an der internationalen Physikolympiade teilgenommen. Da habe ich es immerhin in die zweite Runde geschafft. Um zu sehen, ob mir eine akademische Ausbildung gefällt, habe ich an einem Schnupperstudium an der LMU in München teilgenommen. Da konnte man das Fach eine Woche lang kennen lernen. Aber egal, ob ich mich nun für Physik oder Luft- und Raumfahrttechnik entscheide, ich will auf jeden Fall an einer Hochschule studieren, die einen guten Ruf hat."
Tim Schemm, 18 Jahre:
"Ich will auf jeden Fall studieren, habe mich aber noch nicht endgültig entschieden, was. Vielleicht werde ich Werkstoffwissenschaften wählen, mit Sicherheit aber ein Fach aus dem Bereich Chemie oder Ingenieurwissenschaften. Mein Chemielehrer hat mir gesagt, dass viele Universitäten ein Schnupperstudium anbieten. Ich war auch schon in Erlangen und Bayreuth an den Universitäten und habe mich dort umgesehen. Bei solchen Gelegenheiten kann man direkt mit den Professoren sprechen. Das hat mir viel mehr weitergeholfen als die Infos auf den Uni-Homepages. Ich war aber auch schon im BIZ, mal mit der Schule und mal auf eigene Faust, und fand die Infos dort auch ziemlich gut."
(abi. Berufswahl-Magazin, 5/2007, S. 22)
Worterklärungen:
tüfteln - V: tüftelte/getüftelt haben - S: der Tüftler - Bed.: mit viel Geduld und gerne darüber nachdenken, wie ein Problem gelöst werden kann
auf eigene Faust - WG - Bed.: selbst, ohne die Hilfe anderer Personen
6. Geben Sie das Interview zum Thema "Deutschland altert" in indirekter Rede wieder. Klären Sie zunächst die unbekannten Wörter mithilfe eines Wörterbuchs.
Nach Modellrechnungen der UN steigt die Weltbevölkerung weiterhin stark an. In Europa und Deutschland gehen die Bevölkerungszahlen hingegen zurück. Wissenschaft.de fragt Bevölkerungswissenschaftler Rainer Münz nach Ursachen und Folgen dieser Entwicklung. Rainer Münz lehrt an der Humboldt-Universität Berlin Bevölkerungswissenschaften.
Wissenschaft.de: Nach Angabe der UN Population Division wird die Weltbevölkerung um die Mitte des 21. Jahrhunderts etwa 9 Milliarden Menschen betragen. Wie verlässlich sind diese Rechnungen?
Rainer Münz: Das sind relativ verlässliche Zahlen, denn ein Gutteil der Menschen, die dann leben werden, sind bereits unter uns. Wenn keine Großkatastrophe über uns hereinbricht, tritt das ein.
Wissenschaft.de: Wie könnte es danach weitergehen? Sinkt die Weltbevölkerung dann wieder?
Rainer Münz: Bis Ende des Jahrhunderts werden etwa 10 bis 12 Milliarden Menschen auf dieser Welt leben. Danach könnte die Weltbevölkerung abnehmen, aber das können wir nicht sicher wissen. Modellrechnungen, die einen Rückgang der Bevölkerung ergeben, setzen voraus, dass die Fertilität – also die Anzahl der Kinder pro Frau – unter 2,1 sinkt. Die Fertilität ist derzeitig in allen Teilen der Welt rückläufig, mit wenigen Ausnahmen. Aber es könnte auch anders kommen: Eine Demokratisierung in China könnte dazu führen, dass die Ein-Kind-Politik aufgegeben wird und die Chinesen wieder mehr Kinder bekommen. In Indien ist die Kinderzahl pro Familie zumindest im letzten Jahr nicht mehr zurückgegangen.
Wissenschaft.de: Anders als weltweit ist die Fertilität in Europa bereits jetzt sehr niedrig. Was hat das zur Folge?
Rainer Münz: Die Entwicklung ist in Europa regional unterschiedlich. Die Fertilität ist in Deutschland, Süd- und Osteuropa sehr niedrig. In Frankreich, Skandinavien und Irland liegen die Kinderzahlen pro Familie höher. Eine Fertilität von 1,3 wie in Deutschland bedeutet, dass sich jede Generation um ein Drittel verringert. Das ist eine Schrumpfungsspirale, die sich so lange fortsetzt, bis wieder eine Generation mehr als zwei Kinder bekommt. Ein solcher Umschwung ist in Deutschland derzeit allerdings nicht absehbar.
Wissenschaft.de: Wie werden sich also die Bevölkerungszahlen Deutschlands in den nächsten 50 Jahren entwickeln?
Rainer Münz: Für Deutschland sind Vorhersagen schwieriger als für die Welt, denn wir kennen die Größe der Zuwanderung nicht. Die letzten 50 Jahre haben wir eine Nettozuwanderung von etwa 10 Millionen Menschen gehabt. Ob wir das so in die Zukunft extrapolieren können, wissen wir nicht. Ohne Zuwanderung stünden wir im Jahr 2050 bei etwa 59 Millionen Einwohnern. Man bräuchte ungefähr eine Netto-Zuwanderung von 460.000 Menschen jährlich, um das gegenwärtige Bevölkerungsniveau zu stabilisieren. Das sage ich nur zur Verdeutlichung: Es müssen in Deutschland ja nicht 83 Millionen Menschen leben.
Wissenschaft.de: Wie wird sich die deutsche Gesellschaft verändern?
Rainer Münz: Die Gesellschaft wird altern: Es wird weniger Menschen unter 60 Jahren geben und mehr über 60 Jahre. Selbst bei einer Netto-Zuwanderung von 300.000 Personen pro Jahr – das wären etwa 15 Millionen zusätzliche Zuwanderer bis 2050 – würde der Anteil der über 60-Jährigen an der Bevölkerung auf über ein Drittel steigen.
Wissenschaft.de: Kommt es zu einem Zusammenbruch der Sozialsysteme?
Rainer Münz: Diese Ideen von plötzlicher Schrumpfung oder Zusammenbruch sind völlig falsche Bilder. Sie haben mehr mit der Vorstellung zu tun, irgend etwas ändere sich von heute auf morgen wie das Wetter. Man sollte betonen: Diese Veränderungen gehen langsam vor sich. Wir haben es mit gut absehbaren Entwicklungen zu tun, die man seit Jahrzehnte voraussieht, auf die die Politik unter anderem deshalb nicht reagiert, weil sie so weit weg liegen. Man kann sagen, das Gesundheitssystem wird dadurch belastet, dass es immer mehr alte Leute gibt. Es gelingt uns, immer älter zu werden, weil wir Zivilisationskrankheiten wie Krebs und Herzinfarkt zurückdrängen.
Wissenschaft.de: Wie sieht es mit dem Rentensystem aus?
Rainer Münz: Wenn der Staat ein bestimmtes Rentenniveau garantiert, könnte er gefordert werden. Bisher setzen wir einfach den Beitragssatz in die Höhe, wenn es teurer wird. Nachhaltig kann man jedoch nur etwas verändern, wenn man die Zahl der Beitragszahler stabil oder in einer bestimmten Relation zu den Beitragsempfängern hält. Wir haben drei Wege, um das Verhältnis der arbeitenden zu den nicht arbeitenden Menschen zu beeinflussen: Längere Lebensarbeitszeit, mehr Zuwanderung und eine höhere Frauenerwerbsquote.
Wissenschaft.de: Dies sind die drei Alternativen?
Rainer Münz: Das sind nicht drei Alternativen, sondern man sollte jede der drei Möglichkeiten nutzen. Das Verhältnis zwischen Beitragszahlern und Rentenempfängern könnte beispielsweise stabilisiert werden, indem man die statistisch letzten zwölf Jahre des Lebens seine Rente erhält und bis dahin arbeitet. Angenommen, die Lebenserwartung eines 60-Jährigen läge dann bei 80 Jahren, müsste er noch bis zum 67. Lebensjahr arbeiten. Das ist aber nur die Andeutung eines möglichen Auswegs. Das Problem ist: Wir haben derzeit keinen funktionierenden Arbeitsmarkt für die älteren Menschen, weil sie teurer sind und eine veraltete Qualifikation besitzen. Da passt der Preis und die Leistungsfähigkeit – das Humankapital – nicht zusammen. Das schafft den Anreiz für Betriebe, alte Menschen durch junge zu ersetzen, denn sie sind billiger, haben frisches Wissen und sind motivierter. Diese Strategie kann in Zukunft nicht mehr verfolgt werden.
Wissenschaft.de: Skandinavien und Frankreich haben eine höhere Frauenerwerbsquote und eine höhere Fertilität als wir. Es gibt die Ansicht, dass Frauen deshalb weniger Kinder bekommen, weil sie heute über eine bessere Ausbildung verfügen und häufiger einen Beruf ergreifen – umgekehrt sich die Männer aber nicht intensiver bei der Kindererziehung engagieren. Haben die französische und skandinavische Männer dazu gelernt?
Rainer Münz: Ich glaube nicht, dass es die Männer sind, die umgelernt haben. In Skandinavien und Frankreich gibt es einfach bessere Kinderbetreuungssysteme. Wir bräuchten Ganztagskindergarten und Ganztagsschulen und eine Betreuung der Kinder, wenn die Schulen geschlossen haben, also während der Ferien. Die beste Familienpolitik ist die, die es den Müttern ermöglicht, trotz Kinder ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften und sich eine eigene Rente zu sichern.
Wissenschaft.de: Zur letzten Möglichkeit: Wird man sich neue Zuwanderer in das Land holen?
Rainer Münz: Zum 1. Januar 2003 bekommt Deutschland ein neues Einwanderungsrecht, da sind alle Instrumente für eine aktive Einwanderungsgspolitik gesetzlich definiert. Dann könnte man beginnen, attraktive Migranten anzuwerben. Diese Entwicklung wird früher oder später eintreten. Zwischen Deutschland und den anderen Ländern wird es zu einer Konkurrenz um gute Köpfe kommen. Die begabten Menschen aus Indien und China werden mehr Wahlmöglichkeiten haben.
Wissenschaft.de: Wie sieht es mit Afrika aus?
Rainer Münz: In den meisten Ländern Afrikas gibt es kein funktionierendes Bildungssystem. Afrika produziert für den Eigenbedarf nicht genügend Akademiker. Auch die hohen AIDS-Infektionsraten bei den jungen Leuten stehen einer vermehrten Zuwanderung entgegen. Nein, die Einwanderer werden aus Ländern mit einem entwickelten Bildungssystem kommen, wo das Lebensniveau niedriger ist. So werden sie für uns attraktiv sein und einen Anreiz haben, zu uns zu kommen. Im Wesentlichen geht es um Indien und China.
(Nach: http://www.wissenschaft.de/sixcms/detail.php?id=173116)